WEGEN CORONA? RADVERKEHR EUROPAWEIT AUF DEM VORMARSCH

Die Coronakrise hat Europa fest im Griff. Der Lockdown betraf den kompletten Kontinent, die Regelungen waren jedoch von Land zu Land verschieden. Eine Gemeinsamkeit scheint sich allerdings zu zeigen: Die Rückkehr zum Fahrrad als praktisches Verkehrsmittel. Eine Übersicht über unterschiedliche Maßnahmen, ihre Folgen und ein Blick über den deutschen Tellerrad.

Corona scheint das Herz der EU zu verändern. In Brüssel sprechen die Stadtverantwortlichen von einem neuen Lebensstil: Es kursiert der Begriff der „Vélorution“, also der Entzerrung des Verkehrs. Der Plan: In der Innenstadt dem Rad- und Fußverkehr mehr Platz und Vorrang geben. Die Geschwindigkeit von Autos, Bussen und Straßenbahnen wird auf maximal 20 km/h reduziert. Fußgänger und Radfahrende sollen als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer auch die komplette Straßenbreite nutzen können. Also kein „Business as usual“ in der Post-Corona-Zeit, sondern ein modernes Verkehrskonzept mit zusätzlichen neuen Radwegen – die belgische Hauptstadt steht dabei beispielhaft für viele europäische Metropolen.

„Radfahren war in Großbritannien lange nur Sport. Jetzt setzt ein Umdenken ein hinzu Pendeln und Transport. Die Infrastruktur hat aber noch Nachholbedarf.“

Der verkehrstechnische Kollaps droht z. B. auch in London. Das weltberühmte U-Bahn-Netz war früher ein Segen, wird aber durch Corona zum Fluch. Rund 325.000 Menschen je Viertelstunde fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Fahrräder oder E-Scooter waren schon vor der Krise als Alternativen zur übervollen „Underground“ im Gespräch. Spezielle Fahrradstraßen oberhalb der U-Bahn-Linien, sogenannte Bike Tubes, wurden geplant. Die britische Regierung stellte Fördermittel von zwei Milliarden Pfund in Aussicht, um den Radverkehr im ganzen Land zu verzehnfachen. Durch Corona hat das Thema eine neue Dynamik bekommen. 250 Millionen Pfund werden beispielsweise für den Aufbau von Pop-up-Bikelanes zur Verfügung gestellt. Radfahrende erhalten einen Voucher im Wert von 50 Pfund für eine Fahrradreparatur. Tanguy Scorpati vom größten britischen Fahrradhersteller Brompton freut sich über die Maßnahmen: „Radfahren war in Großbritannien lange nur Sport. Jetzt setzt ein Umdenken ein hinzu Pendeln und Transport. Die Infrastruktur hat aber noch Nachholbedarf.“ Während des Lockdowns hätten Radläden eigentlich öffnen dürfen. Doch viele Fahrradshops entschlossen aus Sorge um ihre Mitarbeiter, den Geschäftsbetrieb einzustellen. „Ein Großteil der Fahrradverkäufe läuft sowieso online. Das zeigt sich auch in meist günstigen Fahrradpreisen. Ein hochwertiger Markt, z. B. für E-Bikes, hat es in UK noch schwer“, erläutert Scorpati. Man sei fahrradtechnisch zwar noch ein Entwicklungsland, aber „die ergriffenen Maßnahmen sind insgesamt gut für das Fahrrad“, ist er zuversichtlich.

Auch in Frankreich scheint sich die Regierung pro Fahrrad zu öffnen. Radfahren war während des Lockdowns vom 17. März bis 11. Mai untersagt. Aber es wird jetzt mehr und mehr daran gearbeitet, das Fahrrad als Verkehrsmittel zu etablieren. Die Regierung hat dafür ein Förderprogramm mit 20 Millionen Euro verabschiedet. Davon kann jeder Radfahrer profitieren, indem er einen Zuschuss von 50 Euro für eine Fahrradreparatur bekommt. Zudem ist der Bau von Fahrradabstellplätzen und neuen Radwegen geplant. Die zuständige Umweltministerin Élisabeth Borne begründet diesen Schritt: „Die Lockerung der Ausgangsperre ist der Moment, um zu veranschaulichen, dass das Fahrrad ein eigenständiges Transportmittel und nicht nur ein Hobby ist.“ In Paris sollen dafür nach dem Ende des Lockdowns rund 650 Kilometer an neuen Radwegen gebaut, Innenstädte landesweit autofrei werden. Eigentlich war der Plan erst für 2024 vorgesehen, aber durch das Corona-bedingte Umsteigen vieler Einwohner wurde der „Plan Vélo“ schon jetzt in einigen Punkten umgesetzt.

Durch die Krise und die damit einhergehenden Freizeiteinschränkungen gewannen viele Menschen wieder Freude an der Bewegung in der Natur."

Ein verändertes Mobilitätsverhalten erkennt auch Dr. Holger Schwarting, Vorstand von Sport 2000 Österreich, während der Corona-Phase: „Durch die Krise und die damit einhergehenden Freizeiteinschränkungen gewannen viele Menschen wieder Freude an der Bewegung in der Natur. Auch der Weg zur Arbeit wurde verstärkt mit dem Fahrrad zurückgelegt und das Bike hat als flexibles Transportmittel wieder stark an Bedeutung gewonnen.“ Das beeinflusse die Branche in Österreich positiv. Mit ausschlaggebend war, dass das Radfahren während der Corona-Phase erlaubt war. Mit Beginn der Ladenöffnung ist eine hohe Nachfrage festzustellen, die durch Angebote wie Dienstrad-Leasing, das seit Anfang des Jahres in Österreich erlaubt ist, zusätzlich gesteigert werde. Ob die Entwicklung langfristig anhält, ist offen: „Das hängt stark vom Bike-Tourismus in den kommenden Sommermonaten ab“, so Dr. Schwarting.

„Deutsche haben sich beschwert, dass sie nur Radfahren können. Das wäre in Spanien Luxus gewesen.“

Genau diese Einnahmen aus dem Tourismus fehlen aktuell in Spanien, worunter auch der Fahrradtourismus leidet. „Im Frühjahr wäre eigentlich Hochsaison gewesen“, so Jan-Eric Schwarzer, Inhaber des kleinen Radsporthotels MA-13 auf Mallorca. Erst seit dem 2. Mai ist es überhaupt wieder erlaubt, das Haus für eine Stunde zu verlassen. „Deutsche haben sich beschwert, dass sie nur Radfahren können. Das wäre in Spanien Luxus gewesen“, berichtet Schwarzer. Die kompletten Auswirkungen seien noch schwer abzusehen, gesellschaftliche Änderungen aber möglich. Die Großstädter in Madrid oder Barcelona freuen sich aktuell über bessere Luftqualität und sehen das Fahrrad als ein Mittel, das beizubehalten. Ob eine Verkehrswende auch tatsächlich kommt, ist schwierig vorauszusehen. Die wirtschaftliche Krise trifft das Land extrem hart: Staatliche Fördermittel gibt es kaum, der Wegfall des Tourismus in diesem Jahr wird für eine hohe Arbeitslosigkeit sorgen. „Die Regierung spricht immer wieder von einer neuen Normalität. Bislang gibt es aber nur neue Auflagen und Regelungen. Das Land ist insgesamt schwer getroffen“, fasst Schwarzer die Situation zusammen.

Ähnlich hart war die Situation in der Radsportnation Italien. Bis zur phasenweisen Lockerung am 4. Mai galt ein striktes Ausgehverbot. Der Regierung war dabei auch schnell klar, dass das Verkehrssystem umgestaltet werden muss, weil der Öffentliche Nahverkehr an seine Grenzen kommt. Seit 13. Mai ist ein staatliches Konzept für Subventionen bei E-Bikes und Fahrrädern bekannt: Der finanzielle Anreiz richtet sich an Einwohner von Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern. Sie können einen 500 Euro Bonus bekommen, wenn dadurch bis zu 60 Prozent der Gesamtausgaben gedeckt sind. D. h. ein Fahrrad muss über 830 Euro kosten. Die Aktion läuft bis zum 31. Dezember 2020. Dafür stellt die Regierung ein Gesamtpaket von 120 Millionen Euro zur Verfügung. Zudem soll auch die Straßenverkehrsordnung bessere Regelung für Radfahrer bekommen.

In den Niederlanden wird schon seit langem bekanntlich auf einen hohen Radverkehrsanteil gesetzt. Auch in der Krise durften die Radläden landesweit weiter öffnen. Die Folge: Kaum Einbrüche bei den Verkäufen. Der Handelsverband Dynamo Retail Group meldet sogar ein Umsatzwachstum von 5,8 Prozent im April 2020 gegenüber dem Vorjahr. Nachgefragt wurden insbesondere E-Bikes und Fahrradbekleidung, aber auch Mountainbikes und Rennräder waren wachsende Segmente. Vielleicht entdecken jetzt die Holländer vermehrt, dass das Fahrrad nicht nur Transportmittel, sondern auch Sportgerät ist.