S-PEDELECS - AB AUF DEN RADWEG!?

Kaum ein anderes Fahrzeug kann die Verkehrswende so positiv beeinflussen wie das S-Pedelec. Während aber in Deutschland die Verkaufszahlen auf niedrigem Niveau stagnieren, zählt in der Schweiz jedes siebte E-Bike mittlerweile zur schnellen Variante. Ein Grund: Die schnellen E-Bikes dürfen auf dem Radweg fahren – aber die Lösung ist gar nicht so einfach, wie sie scheint.

Im November 2019 eröffnete in Tübingen der erste Radweg in Deutschland, der mit S-Pedelecs befahren werden darf. Das Zusatzzeichen „S-Pedelec frei“ wurde im Einvernehmen mit der Landesregierung von Baden-Württemberg eingerichtet. Die Regelung wird geduldet, ist aber nicht offiziell. Anfänglich beläuft sich die Freigabe auf einen Fahrrad- und Fußgängertunnel. Die Geschwindigkeit wird dort auf 30 km/h begrenzt. Dies sei aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens sowie der oftmals querenden Fußgänger notwendig, heißt es von der Stadtverwaltung. In Planung ist ein ca. 50 Kilometer langes Streckennetz für S-Pedelecs quer durch die Stadt. Eine Lösung für ganz Deutschland? Eine Umfrage im Branchenmagazin SAZbike zeigt: 79 Prozent der Fahrradhersteller und 41 Prozent der Radhändler plädieren für den Tübinger Ansatz.

„Vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen verhindern eine Verbreitung des S-Pedelecs in Deutschland. Solange Themen wie die Radwegbenutzung durch die schnellen E-Bikes und die Fragen rund um die Helmpflicht nicht gelöst sind, wird sich das S-Pedelec nicht durchsetzen können“, sagt Anja Knaus, Pressesprecherin beim E-Bike-Pionier Flyer. In der Schweiz ist die Gesetzgebung freundlicher, eine Radwegebenutzung erlaubt. Viele Berufspendler nutzen deshalb die schnellen Elektroräder. Ein weiteres Beispiel ist Belgien. S-Pedelecs werden hier nicht als Mofa eingestuft, sondern es wurde eine eigenständige Fahrzeugkategorie ins Leben gerufen – einmalig in der EU. Innerstädtisch dürfen S-Pedelec-Fahrer selbst entscheiden, ob sie am Radweg oder der Fahrbahn fahren, außerorts müssen sie den Radweg nutzen. Zusätzlich gibt es steuerliche Subventionen. Die Folge: Die Verkaufszahlen gehen stetig nach oben.

Mit Markus Riese, Geschäftsführer und Entwickler des E-Bike-Anbieters Riese & Müller, hat das S-Pedelec einen starken Befürworter. Riese sieht das aktuelle Benutzungsverbot als Hemmnis, das den Autoverkehr stärkt. Pendler würden selbst auf Kurzstrecken lieber einen Zweitwagen als ein S-Pedelec fahren. „Mit S-Pedelecs könnte man viel mehr Autoverkehr auf das Zweirad verlagern, dass ein wahrer Schneeballeffekt ausgelöst wird“, ist sich Riese sicher. Denkbar wären aus seiner Sicht Geschwindigkeitslimits für S-Pedelecs wie in Tübingen praktiziert, sowie eine Harmonisierung der innerstädtischen Regelgeschwindigkeit. Ein Problem dabei: Das S-Pedelec wird in das bestehende Korsett an Fahrzeugkategorien gequetscht, ohne auf die genauen Bedürfnisse einzugehen. Aktuell wird deshalb auf europäischer Ebene durch die Leva-EU der Versuch unternommen, ein Typisierungsverfahren für S-Pedelecs mit eigenen Regeln zu erarbeiten.

„Sicherheit ist auch eine Frage der Rücksichtnahme und Toleranz im Verkehr. Wer verantwortungsbewusst auf dem S-Pedelec unterwegs ist, passt die Geschwindigkeit den Gegebenheiten an.“

In der Schweiz entwickelt sich hingegen die Diskussion exakt in die Gegenrichtung. So sprechen Kommunalpolitiker davon, dass die starke Zunahme an S-Pedelecs den urbanen Verkehr vor Probleme stelle. Durch die teilweise hohen Geschwindigkeitsunterschiede zu Radfahrern und Fußgängern würde das Unfallrisiko steigen. Die Radwegebenutzung für S-Pedelecs soll verboten bzw. eingeschränkt werden. „Sicherheit ist auch eine Frage der Rücksichtnahme und Toleranz im Verkehr. Wer verantwortungsbewusst auf dem S-Pedelec unterwegs ist, passt die Geschwindigkeit den Gegebenheiten an“, verweist Knaus.

Die Räder können zwar bis 45 km/h unterstützen, aber in der Regel fährt man in vielen Situationen langsamer. Hinzu kommt, dass der Motor nur maximal das Vierfache der Beinkraft mit einbringen darf. Gerade am Berg fällt die Motorunterstützung deshalb auch einmal gering aus, was den S-Pedelec-Fahrer auf einmal langsam macht. Außerorts ist ein Radwegeverbot daher sinnlos – das sieht man auch beim ADFC so. Andererseits verweist der Verband darauf, dass Rennradfahrer seit langem eine Befreiung von der Radwegebenutzungspflicht fordern, da die Tempounterschiede zu anderen Radfahrern zu gefährlichen Situationen führen. Die Diskussion fängt also gerade erst richtig an.