CARGO BIKES SIND IM TREND - ABER ES IST NICHT ALLES GOLDEN

Lastenräder prägen mittlerweile den Verkehr so mancher Großstadt. Die Räder stehen für eine vielfältige, moderne und nachhaltige Transportmöglichkeit für Familien und Unternehmen. Aber ihre wachsende Zahl bringt auch Probleme mit sich, die es für eine erfolgreiche Zukunft zu lösen gilt – und dabei ist nicht nur die Infrastruktur gemeint.

Im letzten Herbst eröffnete eine neue Ikea-Filiale in Karlsruhe. Das Besondere: Für den Möbeltransport kann man sich E-Lastenräder ausleihen – drei Stunden sogar kostenlos. Zusammen mit einem Dienstleister wird die Idee umgesetzt. Ikea möchte rund 15 Prozent seiner Kunden in Karlsruhe ermutigen, ohne Auto ins Möbelhaus zu kommen und so einen Teil zu einer klimafreundlichen Zukunft beitragen. Auch Alternativen wie zu Fuß gehen oder die Straßenbahn sollen verstärkt genutzt werden. Auf dem Gelände stehen dazu 315 Fahrradabstellplätze bereit, einige dafür speziell für Cargobikes und Anhänger konzipiert. Dazu gibt es Schließfächer für Taschen und Helme sowie eine Service-Station. Das neue Konzept soll dabei ein Probelauf sein, heißt es von Ikea. Zusammen mit der Stadt Karlsruhe wurde sogar ein extra Mobilitätskonzept entwickelt. „Ikea verpflichtet sich öffentlich zu einer Reduktion der Treibhausgase bis 2030. Mit einer Reihe von Initiativen möchte das Unternehmen bei seinen 30 Märkten diese Ziele erreichen. Darunter fällt beispielsweise auch das Angebot von Lastenrädern bzw. E-Cargo-Anhängern für unsere Kunden“, so eine Firmensprecherin. Auch in Hamburg oder Magdeburg ist das Leihen von Rädern mittlerweile möglich.

 

Cargobikes sind nicht nur in Karlsruhe ein wesentlicher Teil für die viel diskutierte Verkehrswende. Die Absatzzahlen gingen in den letzten Jahren deutlich nach oben. Laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) wurden 2020 103.200 Lastenräder in Deutschland verkauft, rund dreiviertel davon mit E-Motor. Und trotz – oder vielleicht sogar wegen – der Corona-Krise erwarten die Hersteller ein weiteres Wachstum. Die diversen Lockdowns hätten zwar für Logistiker, die zur Auslieferung auf Cargobikes setzen, einen Wegfall im B2B-Bereich bedeutet, dafür ist aber das Geschäft direkt zum Kunden gewachsen. „Das Thema ,Nachhaltige Mobilität‘ hat durch Corona einen Auftrieb bekommen. Auch die private Nutzung von Lastenrädern ist gewachsen. Das gibt Rückenwind für das Thema“, so Arne Behrensen von der Agentur Cargobike.jetzt.

 

Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt, wie das Thema richtig funktionieren kann: Unter Federführung der Mobilitätsakademie des Mobilitätsclubs Touring Club Schweiz (TCS) und mit Fördermitteln der Migros Gruppe wurde ein Konzept entwickelt, Lastenräder im betrieblichen und privaten Kontext zu fördern. Ein wesentlicher Teil davon war das Sharing-Projekt Carvelo2go, das so erfolgreich lief, dass es nach der Einstellung des Förderprojekts 2019 weitergeführt wurde. Die Idee ist einfach: Anstatt auf eine rein digitale Lösung für Anmietung und Rückgabe, setzt die Initiative auf stationäre lokale Partner wie Läden, Cafés oder Restaurants als Hosts. Sie übernehmen die Ausgabe der Räder und kümmern sich um Service und Schutz vor Vandalismus. Als eine Art Gegenleistung dürfen die Shopverantwortlichen die Räder kostenlos für ihre eigenen Transportaufgaben nutzen und fungieren so als Multiplikatoren. Mittlerweile ist das Konzept in über 80 Städten zu finden und es sind 330 Räder im Einsatz. Knapp 24.000 Menschen sind registriert und nutzen die Räder besonders für Einkäufe und Fahrten auf Strecken bis zehn Kilometer.

 

Um ein solches Projekt flächendeckend erfolgreich zu gestalten, braucht es jedoch auch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Und genau hier hakt es: Viele Kommunen haben es verpasst, den Hebel frühzeitig umzulegen und die infrastrukturellen Änderungen umzusetzen. So sind beispielsweise Radwege oft zu eng für breitere Lastenräder und auch kaum Parkmöglichkeiten vorhanden. Behrensen weist zwar darauf hin, dass ein Lastenrad bequem auf einen Autoparkplatz bzw. am Fahrbahnrad geparkt werden darf. Diese Lösung sorgt allerdings auch immer wieder für Konflikte, wie zuletzt in Graz wo die Stadt einen auf PKW-Parkplätzen parkenden Lastenradfahrer auf Unterlassung verklagte. Langfristig wäre es geschickter, wenn bestimmte Flächen für Lastenräder reserviert werden könnten. „Wir brauchen mehr Fahrradparkplätze, die für alle Fahrradtypen ausreichend Parkmöglichkeiten bieten“, so der Fachmann. Eine Infrastruktur sollte deshalb nicht allein vom Auto gedacht werden, sondern auch andere Fahrzeuge mit einbeziehen. Auch die Stellplatzverordnungen der Länder und Kommunen müssten dazu entsprechend angepasst werden.

 

Doch dabei muss man ehrlicherweise sagen: Lastenrad ist nicht gleich Lastenrad. Unterschiedliche Formen geben dem Segment immer neue Facetten und Anwendungsbereiche – und somit auch andere Anforderungen an die Infrastruktur. Die klassischen Dreiräder gibt es mittlerweile mit Neigetechnik, die zweirädrigen Longjohns in verschiedenen Größen oder auch als Tieflader und die Longtails mit ihren verlängerten Gepäckträgern sind sogar für den Transport von Erwachsenen zugelassen. Handel, Handwerker, Dienstleister, Logistiker und Privatpersonen zählt beispielsweise der Berliner Händler Velogut zu seinen Kunden. Die Heterogenität tritt dabei auch immer stärker bei den Anforderungen zu Tage. Während Familien eher auf Komfort beim Kindertransport achten, wollen Handwerker und Logistiker ein möglichst wartungsarmes Rad. Denn gerade der Service- und Aftersales-Bereich muss besser werden. Ein defektes Cargobike kann man nicht einfach im Kofferraum des Autos in die Werkstatt fahren, sondern muss es ggf. abholen lassen. Das braucht eine entsprechende Struktur. Das Unternehmen Mint-Works möchte eine Lösung schaffen, wie Cargobike-Nutzer, Wartungspartner und Hersteller zusammenkönnen. Die Berliner stellen dafür eine IT-Infrastruktur, die einfache Servicetermine ermöglicht. Auf der anderen Seite steht allerdings der Fahrradfachhandel vor einem großen Personalmangel – und das nicht erst seit Corona. Laut Experten-Schätzungen sind aktuell bis zu 6.000 Stellen im Handel offen, man komme in vielen Läden bereits mit den Werkstattarbeiten an herkömmlichen Rädern nicht nach. Lastenräder würden noch komplett andere Anforderungen bei der Werkstattarbeit, Schulungen und beim Service stellen. Für viele Händler zeitlich aktuell nicht zu schaffen.

 

Hinzu kommt eine Sicherheitsdiskussion, die die wachsende Nachfrage mit sich bringt. Gremien erarbeiteten auf EU-Ebene eine spezielle Lastenrad-Norm, die in Deutschland bereits seit Anfang 2020 gilt. Darin sind die sicherheitstechnischen Anforderungen von verschiedenen Modellen in Bezug auf deren Einsatzzweck sowie deren Prüfkriterien geregelt. Durch die hohen Zuladungsmöglichkeiten und Maximalgewichte haben Lastenräder zwangsläufig andere Anforderungen als normale Fahrräder. Die Norm ermöglicht jetzt Tests bis zu 300 Kilogramm Zuladung. So wissen auch Komponentenanbieter mit welchen Anforderungen zu rechnen ist und liefern passend abgestimmte, standardisierte Produkte. So gibt es schon E-Motoren oder Bremsen für Cargobikes. Aber: Die Vielfalt der Lastenräder ist mittlerweile so groß, dass sie weit über die Norm hinausgeht. Citkar, ein Unternehmen, das eine Art Mischung aus Auto und Fahrrad anbietet, verbaut Komponenten, die eigentlich in einem Auto zu finden sind. Um die Norm auf derartige Entwicklungen anzupassen, würde es immer wieder Jahre dauern. Da auch viele Hobbybastler, Start-ups und Kleinunternehmen gerade an Cargo-Lösungen basteln, sind weitere Diskussionen um Standardisierung und Sicherheit in den kommenden Jahren vorprogrammiert. Der Markt muss sich hier erst finden.