PROFI-RADSPORT IN CORONA-ZEITEN

Der Profi-Radsport startete dieser Tage mit den ersten Rennen nach einer langen Corona-Pause. Auf die Profis wartet sowohl beim Rennrad als auch beim Mountainbike ein straffer Terminkalender. In Deutschland werden dabei in diesem Jahr keine UCI-Radrennen stattfinden. Ein Überblick über die aktuelle Situation.

Am 29. August startet voraussichtlich die Tour de France. In welchem Rahmen das bekannteste Radrennen der Welt überhaupt stattfinden kann, ist noch unklar. Der deutsche Profifahrer Rick Zabel bezeichnete in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung das Gesamtkonzept als „fragil“. Eine Infektion im Fahrerfeld könne das Aus des Rennens bedeuten. Die Durchführung des Rennens ist allerdings enorm wichtig für den Radsport. Wegbrechende TV-Gelder und Sponsoreneinnahmen würden das Ende für einige Teams bedeuten. Gehaltsverzicht und Sparmaßnahmen standen in den letzten Monaten eh schon auf der Tagesordnung.

Deshalb läutet die Tour de France einen „heißen Herbst“ für die Radsportler ein. Am 3. Oktober soll der Giro d’Italia starten, am 20. Oktober die Vuelta a España. Die beiden Rennen überschneiden sich sogar zeitlich. Zudem werden auch die Frühjahrsklassiker noch nachgeholt. Radsportrennen in Deutschland mit Profibeteiligung wird es hingegen nicht geben. Die Deutschland-Tour wurde schon früh abgesagt und nach langem Hin und Her entschied Mitte Juli die Stadtverwaltung Hamburg, die Cyclassics, die am 3. Oktober mit Profibeteiligung hätten starten sollen, doch noch komplett abzusagen. „Das ist besonders schade, da wir dieses Jahr das 25-jährige Jubiläum der Veranstaltung gefeiert hätten, aber die Gesundheit geht natürlich vor“, sagt Volker Dohrmann, Leiter Produkt, Strategie und Marketing beim Fahrradhersteller Stevens Bikes. Die Hamburger sind nicht nur ein wichtiger Sponsor des Radrennens, sondern auch im Cyclocross-Bereich sehr stark aktiv. Ob die legendären Cross-Rennen, die insbesondere in den Niederlanden und Belgien viele Besucher anlocken und auch in Norddeutschland eine große Popularität genießen, überhaupt stattfinden, ist noch nicht gesichert. Anfang Juli wurden bereits drei der 14 Weltcup-Rennen entweder coronabedingt oder aufgrund von Terminüberschneidungen mit der verlängerten Rennradsaison abgesagt. „Wir hoffen natürlich, dass Rennen stattfinden können. Wie diese aussehen und ob Zuschauer zugelassen sind, wissen wir Stand heute noch gar nicht“, so Dohrmann.

Ähnlich ist die Situation beim Mountainbike. Nachdem die UCI einen Rennkalender veröffentlicht hat, musste dieser bereits wieder angepasst werden. So wurde der eigentlich für Anfang September geplante Weltcup-Auftakt im schweizerischen Lenzerheide wieder abgesagt. Mangelnde Planungssicherheit für die Durchführung von Großveranstaltungen seien das Hauptproblem gewesen. Auch „Geisterrennen“ ohne Zuschauer waren keine Option, da bereits die Anzahl der Fahrer und Teammitglieder an der Strecke über die in der Schweiz erlaubte Mindestteilnehmerzahl von 1.000 Menschen hinausging. Zumindest die Weltmeisterschaft im österreichischen Leogang Mitte Oktober soll aber über die Bühne gehen.

„Uns hat vor allem das Feedback aus dem Wettkampfeinsatz gefehlt.“

Die Auswirkungen, welche die Rennausfälle auf die Produktentwicklungen haben, sind noch schwer abzusehen. „Wettkampfathleten sind ein bedeutender Teil in der Produktentwicklung“, erklärt Doris Klytta, Leiterin Marketing und Kommunikation beim Reifenhersteller Schwalbe. „Uns hat vor allem das Feedback aus dem Wettkampfeinsatz gefehlt.“ Deshalb freue man sich, dass die Wettkämpfe nun wieder starten, um auch neue Prototypen unter extremen Bedingungen testen zu können. Allerdings hatten die Athleten in den letzten Monaten mehr Zeit, sich intensiv mit dem Produktentwicklern auszutauschen. „Das haben wir genutzt“, so Klytta.

Die Arbeit mit Profiteams ist das eine, Jugendförderung und das Heranziehen von jungen Talenten das andere. Ohne Rennen, Training und auch medialer Präsenz verliert der Radsport seine junge Basis. Das Team SKS Sauerland NRW ist für seine Jugendarbeit bekannt. Um weiterhin im Gespräch zu bleiben und Trainingsmöglichkeit während der Corona-Pause zu ermöglichen, musste sich Teammanager Jörg Scherf einiges einfallen lassen: „Als Mannschaft haben wir versucht, durch ungewöhnliche Aktionen auf uns aufmerksam zu machen. Wir sind bei virtuellen Rennen am Start und messen uns auf Strava mit anderen.“

„Als Mannschaft haben wir versucht, durch ungewöhnliche Aktionen auf uns aufmerksam zu machen."

Die Strava-Gruppe habe während der Corona-Phase 250 neue Mitglieder bekommen und sogar der WDR über das Team berichtet. „So zeigen wir, dass es weitergeht und die Krise gut gemeistert werden kann“, freut sich Scherf. Dieses Engagement findet auch Anklang bei den Sponsoren: „Wir sehen, wie eifrig sich das Team um Alternativen bemüht hat, seine Sportler zu motivieren und weiter bei den Fans präsent zu bleiben. Corona hat weder an den Zielen des Teams noch an unseren Zielen, die wir gemeinsam mit dem Team verfolgen, etwas geändert“, heißt es vom Hauptsponsor SKS Germany.