INTERVIEW MIT ANNE TERPSTRA - RENNEN SIND NUR EIN TEIL DAVON, WAS EINE ATHLETHIN LEISTET

Anne Terpstra ist aktuell eine der erfolgreichsten Mountainbikerinnen der Welt. Die Niederländerin feierte im Cross-Country neben diversen nationalen Titeln auch einen Weltcupsieg 2019. Bei den diesjährigen Europa-Meisterschaften belegte sie den zweiten Platz. Neben den sportlichen Erfolgen war auch Covid-19 nicht nur, aber besonders für sie ein großes Thema. Die Spitzensportlerin vom Ghost Factory Racing Team erkrankte im März, was ihren Saisonplan komplett über den Haufen warf.

Anne, die Saison 2020 war sicherlich auch für Spitzensportler ungewöhnlich. Wie ist rückblickend dein Fazit?

Anne Terpstra: Speziell ist das beste Wort. Wir haben lange nicht gewusst, was passieren wird. Da ich erkrankt war, war es für mich etwas leichter, weil ich mir nicht so viele Gedanken machen musste, als wenn ich komplett fit gewesen wäre. Ich musste dennoch flexibel sein und mich den Umständen immer wieder neu anpassen. Ich bin aber im Nachhinein froh, dass wir überhaupt noch Sport machen konnten und es zumindest noch ein paar coole Rennen gegeben hat. Ansonsten wäre es richtig zäh gewesen.

 

Du bist im März an Covid-19 erkrankt. Wie hat die Erkrankung dein Training und deinen Jahresplan bestimmt?

Ich hatte am Anfang keine wirkliche Option. Ich musste auf meinen Körper hören. Ich bin froh, dass ich geduldig war und auch keinen Druck hatte, schnell wieder gesund zu werden. Aber es hat einfach so lange gedauert und ich habe mich sehr müde gefühlt. Anfänglich war es nicht mal klar, dass ich an Covid-19 erkrankt war. Im März 2020 war noch zu wenig über die Krankheit bekannt und erst ein Antikörpertest hat gezeigt, dass ich in Kontakt mit dem Erreger war. Ich habe mehrmals im Frühjahr versucht, das Training wieder aufzunehmen, aber es ging einfach nicht. Es hat sich dann gebessert und sobald der Körper wieder belastbar war, konnte ich mit dem Formaufbau beginnen. Aber der Moment bis die volle Belastbarkeit wiederhergestellt war, war einfach sehr spät.

 

„Am Anfang hatte ich schon Angst, weil auch die Art von Kranksein sehr unangenehm war.“

Ein Problem bei Covid-19-Erkrankten ist, dass man die Folgeschäden nicht absehen kann. Gerade Sportler zählen zu einer gefährdeten Gruppe, weil sie schnell wieder in den Normalmodus schalten und ihren Körper möglicherweise überbelasten. Wie gehst du mit der Ungewissheit um, welche Folgen die Erkrankung für deinen Körper haben kann?

Am Anfang hatte ich schon Angst, weil auch die Art von Kranksein sehr unangenehm war. Ich konnte teilweise in der Nacht nicht richtig einatmen. Es hat sich angefühlt wie nach einem schweren Rennen bei Minusgraden. Das hat so gebrannt. Dabei hatte ich seit Wochen keine Anstrengung mehr. Mein Trainer ist zum Glück Sportarzt. Deshalb vertraute ich ihm, dass er mich nicht zu früh wieder hart trainiere ließ. So eine Person braucht man. Man kann nicht für sich selbst entscheiden, was richtig ist.

 

„Ich bin aber im Juli auch bei Rennen in Tschechien gestartet. Dort haben sich die Leute verhalten, als ob es kein Corona gebe.“

Wie hast du selbst die Corona-Maßnahmen bei den Rennen wahrgenommen? Es gibt ja eine Studie der Cylist Alliance - Internationale Vereinigung von professionellen Radrennfahrerinnen, dass die Einhaltung der UCI-Kriterien bei Frauenrennen im Rennradbereich schwieriger war als bei Männern.

Beim Mountainbike gibt es keine wirkliche Unterscheidung zwischen Frauen- und Männerrennen. Bei den Rennen am Jahresende hatte ich schon das Gefühl, dass alles mit Plan durchgeführt wird. Wir hatten von unserem eigenen Team auch noch zusätzliche Maßnahmen, etwa haben wir vor den Treffen einen Test gemacht und sind danach nur im Team zusammengeblieben. Aber die Rennen zum Saisonstart waren richtig krass. In Deutschland gab es beispielsweise schon strenge Maßnahmen bei den Rennen und im Alltag. Ich bin aber im Juli auch bei Rennen in Tschechien gestartet. Dort haben sich die Leute verhalten, als ob es kein Corona gebe. Ich habe z. B. einen Mundschutz getragen und wurde komisch angesehen. Das war sehr speziell. Ich habe mir dann schon überlegt, ob es richtig ist, zu den Veranstaltungen zu fahren. Es symbolisiert ja auch, dass man diesen Weg unterstützt. Das war schon schwierig.

 

Ist der teilweise Wegfall der Rennsaison für Dich bzw. viele Fahrerinnen ein Problem, z. B. wenn es um Sponsoren und Verträge für das nächste Jahr geht?

Bei den Sponsoren hat es das eine Team sicherlich etwas leichter als das andere. Riesige Folgen gibt es zum Glück nicht. Ich hatte Angst, dass es kleinere Teams erwischen könnte. Aber wir haben noch nichts gehört. Darüber bin ich erleichtert. Unser Hauptsponsor Ghost hat schnell gesagt, dass er uns weiter unterstützt, auch wenn keine Rennen stattfinden. Wenn du das als Sportler von Anfang an weißt, gibt das mehr Ruhe. Es ist ein Geben und Nehmen: Als die Belegschaft von Ghost in Kurzarbeit ging, war es für uns Athleten klar, auch auf einen Teil unseres Gehalts zu verzichten. Als es wieder gut lief, haben wir das Geld wieder zurückbekommen. Das ist nicht selbstverständlich. Es kommt ja auch das Argument: „Wenn die Athleten keine Rennen fahren, müssen sie nicht voll verdienen.“ Das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich ohne Training zu einem Rennen fahre, brauche ich gar nicht an den Start zu gehen. Das Rennen ist nur ein Teil von dem, was ein Athlet am Ende für eine Marke leistet.

 

Du bist und warst beispielsweise mit an der Entwicklung der neuen Ghost-Räder involviert. Wie haben sich die fehlenden Wettkämpfe auf die Zusammenarbeit mit den Produktentwicklern ausgewirkt?

Der Einfluss war gar nicht so groß. Ich konnte sehr viel ausprobieren, weil ich nicht so viel unterwegs war. Da ich ja seit vier Jahren in Waldsassen, wo der Ghost-Sitz ist, wohne, lief die Abstimmung ganz gut. Das Coole war eigentlich, dass die ersten beiden Weltcups mit dem neuen Rad sehr gut gelaufen sind. Wenn man das gleich an Faktoren am Rad festmachen kann, ist das nur positiv. Das ist eine schöne Bestätigung, die ich aber nicht brauche. Ich weiß, dass das Rad gut ist und ich weiß, dass ich zufrieden damit bin.

„Wir als Sportler sind normale Menschen. Unser Leben ist nicht nur bunt, schön und „einfach“.“

Für die Sponsoren braucht es Sichtbarkeit der Sportler gerade über Social Media. Was machst du abseits der Rennen?

Es gibt immer wieder schöne Geschichten. Ich bin auch offensiv mit meiner Erkrankung umgegangen. Den Fans kommt es so vor, als ob alles durch die Rennerfolge wieder normal wäre. Aber das ist es nicht. Sie müssen auch wissen, was in der Zwischenzeit vorgefallen ist. Wir als Sportler sind normale Menschen. Unser Leben ist nicht nur bunt, schön und „einfach“. Deshalb ist es wichtig, viel zu teilen und zu kommunizieren – über Instagram, Facebook oder auch mit einem speziellen Video. Das war für die Rennpause eine willkommene Lösung.

„Traurig wäre ich, wenn die Spiele gar nicht stattfinden können.“

Blicken wir nach vorne auf die nächste Saison. Die Olympischen Spiele in Tokio stehen an. Wie bereitest du dich darauf vor?

Ich weiß nicht, ob die Spiele wirklich stattfinden werden. Aber es gibt für mich nur eine Option: So trainieren, als ob sie passieren. Sonst arbeitet man nur hinterher. Mein Trainer und ich haben einen Plan und ich weiß, wann ich wie trainieren muss. Meine Einstellung ist: Lieber einmal richtig planen, als ständig zwischen diversen Optionen zu entscheiden. Das kostet nur Energie. Es ist noch viel Zeit bis Ende Juli und hoffentlich wissen wir bald mehr. Traurig wäre ich, wenn die Spiele gar nicht stattfinden können.

Wie wird sich aus deiner Sicht der Radsport verändern? Werden Reisen rund um die Welt, z. B. auch für Trainingslager, rückläufig sein?

In naher Zukunft wird sich der Rennsport verändern. Ich habe die Hoffnung, dass es irgendwann auf eine Art Vor-Coronazeit zurückgeht. Ich hatte eigentlich vor, diesen Winter zu Hause zu bleiben. Aber das Wetter war so schlimm, dass ich nicht vernünftig trainieren konnte. Wir haben uns deshalb spontan entschieden, nach Madeira zu reisen. Die Insel war damals noch kein Risikogebiet, ist es aber jetzt leider doch. Wenn es mit dem Wetter nicht so schlimm gewesen wäre, wäre es für mich nie in Frage gekommen irgendwo hinzureisen.

Die Mountainbike-Szene ist ja auch sehr kumpelhaft, viele kennen sich untereinander. Geht aktuell dieser Austausch und Kontakt verloren?

Sehr sogar. Normalerweise sehe ich meine Teamkameradinnen ein halbes Jahr, also öfter als meine Eltern. Das ist wie eine zweite Familie. Das hat mir dieses Jahr sehr gefehlt. Ich bin dabei noch ein Mensch, der nicht übermäßig viele Sozialkontakte braucht. Andere sind sicher stärker betroffen. Aber es fällt auch auf, wie toll es ist, trotz Regelungen und Maßnahmen jemand anderes zu treffen. Da hat sich meine Wahrnehmung über das Jahr total geändert.