E FÜR ALLE!

Kaum eine Innovation hat die Welt des Fahrrades so nachhaltig verändert wie der Elektromotor. Das E-Bike eilt von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord, kaum ein Hersteller kommt mehr ohne Elektro-Variante aus und das einstmals als „Rentnerrad“ verspottete Pedelec begeistert heute jede Altersklasse. Wirklich jede? Wir haben uns im boomenden Segment der Kinder-E-MTBs umgeschaut.

Von Null auf Hundert in fünf Jahren

E-Bikes für Kinder sind ein relativ junges Segment und alles begann mit Kinder-E-MTBs. Als Sportgerät für den Nachwuchs trat der Nutzen des E-Motors sofort zu Tage: Kinder schon im jungen Alter an den Sport heranführen zu können, ohne sie zu sehr den Strapazen steiler Anstiege und langer Kletterpassagen auszusetzen. Dass mit Motor möglich ist, was ohne Motor nicht geht, dürfte einige sportive und MTB-begeisterte Eltern motiviert haben, die extra-Investition gegenüber einem nicht-motorisierten Kinder-MTB zu tätigen. Dabei ist das E-Bike für Kids von Anfang an umstritten: „Als wir 2015 als einer der Ersten mit einem Kinder-E-MTB auf den Markt kamen, waren die Reaktionen sehr gemischt. Der Erfolg hat uns aber am Ende recht gegeben“, erinnert sich Matthias Grick von KTM Bike Industries und betont, als Vollsortimenter sehe man das eigene E-Angebot für Kinder und Jugendliche als Ergänzung zu den nicht-motorisierten Bikes.

„Für uns ist das E-Bike eine Ergänzung, um Kids und Familien die Möglichkeit zu geben, sämtliche Aktivitäten auf dem Rad gemeinsam zu erleben."

„Muss das sein?“, „Können Kinder nicht ohne Motor Sport machen?“, „Muss man Kinder das Gefühl geben, selbst nicht zu genügen?“ – so lauteten und lauten einige der Kritikpunkte. Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall, erklärt Matthias Rückerl vom E-Mountainbike-Pionier Haibike: „Für uns ist das E-Bike eine Ergänzung, um Kids und Familien die Möglichkeit zu geben, sämtliche Aktivitäten auf dem Rad gemeinsam zu erleben. Die Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein, und erweitern Einsatzbereiche und Aktionsradius enorm. Kinder-E-Bikes sind cool und stärken das familiäre Gemeinschaftsgefühl – abseits von TV und Spielekonsole.“ Dieselbe Erfahrung artikuliert Christian Bezdeka, CEO des österreichischen Kinderradspezialisten Woom Bikes und gibt zu: „Wir waren selbst erst sehr kritisch. Bis wir es ausprobiert haben. Dank des elektrischen Antriebs kann das Kind Touren selbstbewusst in Angriff nehmen. Gemeinsame Entdeckungsfahrten schweißen letztlich zusammen und sind unvergessliche Erinnerungen, die Freunde für immer teilen. Und regelmäßige körperliche Betätigung an der frischen Luft fördert zudem die Gesundheit und die Entwicklung des Kindes.“

Rückenwind durch Verleih
Ein wichtiger Faktor für den Boom des Kinder- und Jugend-E-MTBs sei der Verleih in den Tourismusregionen gewesen, natürlich im bergigen Alpenraum aber auch an der Küste, darin sind sich Matthias Grick von KTM und Marc Dierich von der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG), die u. a. Jugend-E-MTBs der Marke Bulls vertreibt, einig. Die ZEG-Tochter Eurorad betreibt mit der Plattform „Travelbike“ sogar eine eigene E-Bike-Verleihplattform am Urlaubsort. Gerade in der schönsten Zeit des Jahres wolle man sich etwas gönnen und greife gern zum E-Bike, erklärt Dierich und spätestens, wenn die Eltern mit dem elektrischen Rückenwind unterwegs seien, sollten und wollten die Kinder nicht nachstehen: „Der gesellschaftliche Trend geht zum E-Bike. Das ist klar. Durch Verleihangebote führen wir gerade Kinder früh ans Thema Rad heran, doch auch der Privatkauf boomt – ob mit oder ohne Motor.“ Fast jeder, der einmal auf einem E-Bike unterwegs gewesen ist, sei davon völlig begeistert, so Dierich weiter, das merke man auch später beim Kaufinteresse.

„Wir freuen uns über jedes Kind, das begeistert Rad fährt. Denn wer einmal damit anfängt, bleibt oft ein Leben lang dabei.“

Ist das auch sicher?
Sicherheit ist gerade bei Kindern ein Thema von herausragender Bedeutung, da sind sich die Experten einig. Unisono schalten die Produkte der genannten Hersteller etwa bereits bei 20 km/h ab und reduzieren das maximale Motordrehmoment, egal ob sie auf Bosch- (Bulls, Haibike, KTM) oder Fazua-Antriebe (Woom) setzen. „Wir legen auch ein hohes Augenmerk auf nicht gewolltes Einsetzen der Unterstützung. Deshalb ist die Unterstützung beim Einschalten des Antriebs immer zunächst deaktiviert und die Kinder müssen sie aktiv anwählen“, erklärt Rückerl ein weiteres Sicherheitsmerkmal der Haibike-Kinder-E-MTBs. Unterschiedliche Wege gehen die genannten Hersteller beim Einstiegsalter. Während Bulls sich auf Jugend-E-Bikes ab 26 Zoll Laufradgröße konzentriert, bieten Haibike, KTM und Woom Kids-E-MTBs mit 24 Zoll Laufrädern an: „Danach steigen die Jugendlichen eher auf kleine Erwachsenenbikes um. Wir versuchen natürlich, dass die Kinder in steigendem Alter jederzeit das richtige Bike in unserer Kollektion finden können“, so Rückerl. Haibike empfiehlt – je nach Können und Verfassung – ein Einstiegsalter ab etwa acht Jahren, während Woom darauf verweist, dass das Kind bereits gut radfahren solle, „das ist wichtiger als eine Altersangabe“, so Christian Bezdeka vom österreichischen Hersteller.

Was bringt die Zukunft?

„Wir freuen uns über jedes Kind, das begeistert Rad fährt. Denn wer einmal damit anfängt, bleibt oft ein Leben lang dabei“, fasst KTM-Mann Grick eine allgemeine Stimmung zusammen. E-MTBs sind nicht nur tolle Räder, sondern begeistern Kinder und Jugendliche langfristig fürs Rad. Und zwar nicht nur in der Freizeit, sondern – die entsprechende Sicherheitsausrüstung vorausgesetzt – durchaus auch auf den täglichen Wegen zur Schule, „in bergigen Gegenden ist das die bessere Alternative zum täglichen Elterntaxi mit dem Auto“, so Christian Bezdeka von Woom. Auch später sei das E-Bike ein tolles Vehikel, etwa für den Weg zur weiterführenden Schule oder Ausbildungsstätte, ergänzt Marc Dierich von der ZEG: „E-Bike ist das neue Rollerfahren. Jugendliche 14-Plus lieben das E-Mountainbike. Statt Vergaserbenziner und Mofa steigen viele aufs Pedelec. Weil‘s extrem viel Spaß macht.“ Apropos Zukunft: Auch Kinderrad-Marktführer Puky will Kinder-E-Bikes keineswegs ausschließen, auch wenn man in Wülfrath aktuell noch keine entsprechenden Räder anbietet, wie Karsten Geisler erklärt: „Wir stehen dem Thema E-Mobilität bei Kinderprodukten offen gegenüber. Erste Prototypen haben wir bereits vor 15 Jahren entwickelt. Bislang sehen wir noch keine Lösung, die unseren Qualitätsansprüchen genügt und bei Gewicht und Preis für eine große Käuferschicht attraktiv wäre. Wir arbeiten aber weiter intensiv an dem Thema.“