INTERVIEW MIT STEFAN REISINGER - BEREICHSLEITER EUROBIKE

Nach der coronabedingten Absage 2020 sind die Planungen für die EUROBIKE 2021 in vollem Gange. EUROBIKE-Bereichsleiter Stefan Reisinger gibt Einblicke, wie sich die globale Fahrradmesse ändert und warum die Verantwortlichen zuversichtlich für die Durchführung 2021 sind.

Herr Reisinger, bevor wir den Blick nach vorne werfen, ein kurzer Rückblick: Wie verlief das Jahr 2020 für die Messe Friedrichshafen?

Stefan Reisinger: Als Unternehmen der Veranstaltungsbranche war es äußerst herausfordernd und schwierig. Bei unserer Kernarbeit, der Messeveranstaltung, waren wir praktisch seit Anfang März mit einem Berufsverbot belegt. Einzig die Interboot im September konnte stattfinden. Um unser Unternehmen kostenseitig zu schonen, mussten wir Lösungen finden: Viele Mitarbeiter waren bzw. sind leider in Kurzarbeit, Hallenflächen werden beispielsweise als Lagerflächen vermietet oder sogar als Impfzentrum genutzt. Die kurzfristigen Absagen waren für die Mitarbeiter auch eine moralische Herausforderung. Viele Veranstaltungen, darunter auch die EUROBIKE oder die VELOBerlin, waren weit vorbereitet. So blieb uns am Ende im Fahrradbereich einzig die Durchführung der DIGITAL DAYS. Dabei verlief unsere Entwicklung komplett diametral zur Fahrradbranche: Während sich die Hersteller vor Aufträgen kaum retten können, sind wir besonders hart betroffen.

„Ein digitales Format ist kein Ersatz für eine physische Fahrradmesse – und wird es auch nie werden.“

Sind digitale Veranstaltungen wie die EUROBIKE DIGITAL DAYS Konzepte für die Zukunft?

Definitiv war die Veranstaltung für uns ein Erfolg und wir haben eine hohe Reichweite bei der Premiere erzielt. Formate zur Wissensvermittlung können sehr gut digital dargestellt werden. Was wir aber auch gelernt haben, so wie alle anderen Messeveranstalter auch: Ein digitales Format ist kein Ersatz für eine physische Messe – und wird es auch nie werden. Mit digitalen Formaten kann man zum Austausch beitragen, aber das kann eine Messe nicht ersetzen. Die Zukunft liegt idealerweise in einer Kombination aus beidem. Meine Wunschvorstellung ist, dass möglichst viele Menschen wieder bei uns zusammenkommen. Einzelne Themen und Blöcke können zusätzlich über digitale Formate gestreamt werden. Viel physisch und live, Ausgewähltes digital begleitend. Das wird die Zukunft und da bin ich guter Dinge, dass das auch gelingt.

 

Die EUROBIKE war immer auch ein globaler Branchentreff. Rechnen Sie mit Gästen aus dem Ausland in diesem Jahr?

Unser Anspruch bleibt es, die globale Plattform zu sein. Uns ist aber auch bewusst, dass wir das in diesem Jahr nicht zu 100 Prozent leisten können. Das liegt weniger an uns als an den bekannten äußeren Umständen – fehlende Planbarkeit, Reisebeschränkungen und Quarantäne-Pflichten. Um hier Anbindungsmöglichkeiten zu schaffen, kann das Digitale einen erheblichen Beitrag leisten. Wenn es uns dieses Jahr gelingt, die europäische Branche bei uns zusammenzubringen, haben wir Großes geleistet.

 

Die EU diskutiert einen digitalen Impfpass. Darf die EUROBIKE nur besuchen, wer diesen vorzeigen kann?

Über solche Dinge wird sicherlich diskutiert werden, auch wenn die Bundesregierung aktuell nicht von einer Impfpflicht spricht. Genau bei den Punkten Veranstaltungen und Flugreisen wird das bestimmt thematisiert. Es kann zu einer Art Impfpflicht durch die Hintertür kommen. Wir müssen abwarten, wie sich die Lage entwickelt, und werden die entsprechenden Regelungen dann umsetzen. Zusätzlich tragen wir unsere eigenen Erfahrungen und Maßnahmen zu Hygienekonzepten bei, um eine sichere Veranstaltungsdurchführung wie zuletzt bei der erfolgreichen Interboot 2020 zu gewährleisten.

 

„Weil wir das steilste Produkt haben.“

In den letzten Jahren sind weltberühmte Konsumgütermessen eingestellt worden oder in große Schwierigkeiten geraten: CeBit, Photokina, Genfer Autosalon, um nur einige Beispiele zu nennen. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass die EUROBIKE in den kommenden Jahren ein wesentlicher Teil der Messelandschaft bleiben wird?

Das werde ich oft gefragt. Die einfachste und direkteste Antwort: Weil wir das steilste Produkt haben. Das Fahrrad hat beim Käufer einen hohen emotionalen Stellenwert. Man will es anfassen, Probefahren, Alternativen ausprobieren – das Produkt einfach erleben, hat individuellen optimierungsbedarf. Und man braucht zusätzlich ganz stark den Service beim Händler. Da sitzen wir als Fahrradmesse im selben Boot wie der Fahrradfachhandel. Das Fahrrad wird auf Messen und Events präsentiert und nach wie vor stark im Fachhandel gekauft. Das wird auch in Zukunft gelten.

 

Hat das Konzept einer B2B-Messe dennoch ausgedient, da sich immer mehr Fahrradhersteller von der traditionellen Saisonplanung verabschieden?

Die klassische Ordermesse ist in der Fahrradbranche ein überholtes Modell. Die Funktion einer Messe ist eine andere als vor zehn, zwanzig Jahren. Wir verstehen uns mittlerweile als jährliches Klassentreffen. Das ist auch der Wunsch vieler Branchenteilnehmer. Ob das im September, Juni oder Februar stattfindet, ist erstmal egal. Das Entscheidende ist eine gemeinsame Branchen-Plattform zu haben, zum Austausch, zur Marken- und Produkt-Darstellung nach innen und außen, als Medium fürs Radfahren, für politische Botschaften und für Endkunden - Enthusiasten, Fans, Nachwuchs und vor allem zukünftige User. Diese Plattform wollen alle haben und wir können sie bieten.

 

Radfahren rückt in Deutschland auch immer mehr in den öffentlichen Fokus. Wie verändert das die Messe?

Eine Messe ist ein Schaufenster der Branche nach außen, wo Endkunden Marken und Produkte erleben. Viele Hersteller wollen mittlerweile den direkten Kontakt zu den Endkunden. Der Bedarf der Konsumenten, sich mit dem Thema Fahrrad auseinanderzusetzen, steigt ebenfalls. Wir haben nun eine konzeptionelle Anpassung vorgenommen, indem wir dem Endkunden nochmal einen größeren Raum mit zwei Tagen geben. Wir bieten somit das Beste aus beiden Welten - Schaufenster und Klassentreffen.

„Kurz vor der Bundestagswahl bietet die EUROBIKE die perfekte Bühne dafür, die Rahmenbedingungen für das Fahrrad weiter zu verbessern.“

Warum ist es weiterhin wichtig, die Fahrradweltleitmesse in Deutschland zu haben, gerade in Bezug auf Lobbyarbeit und Politik?

Eine Veranstaltung wie die EUROBIKE kann selbstverständlich auch als politische Bühne dienen, um über eine gerechtere Verteilung der Verkehrsfläche zu diskutieren. Dieser Lobbyarbeit wollen wir uns stellen und sind dafür in engem Austausch mit den Fahrradverbänden, aber auch der Politik. Kurz vor der Bundestagswahl bietet die EUROBIKE die perfekte Bühne dafür, die Rahmenbedingungen für das Fahrrad weiter zu verbessern.