LEVs als wichtiger Baustein für den Mobilitätsmix

Christoph Neye ist Gründer des Berliner HardTech Innovation Space Motionlab.Berlin. Mit seinem Unternehmen berät er Unternehmen bei Entwicklungen zum künftigen Verkehr. Light Electric Vehicles, kurz LEV, können dabei eine wichtige Rolle spielen. Was es damit auf sich hat und was bei der EUROBIKE in diesem Bereich geboten wird, verrät er im Interview.

Hallo Christoph, du bist Mitorganisator bei der EUROBIKE für den Bereich Future of Mobility und hier speziell für die LEVs zuständig. Was muss man sich darunter vorstellen?

Bei der Leichtfahrzeugklasse, offiziell Light Electric Vehicle, kurz LEV, handelt es sich um eine Zwischenstufe zwischen klassischem Fahrrad und klassischem Auto. Es gibt Einstufungen von L1 bis L7 mit diversen Unterklassen. Ein S-Pedelec gehört beispielsweise in die Klasse L1e-B, weil es sehr nahe am Fahrrad ist. Die höchste Klasse L7e ist direkt unter dem Pkw angesiedelt. Dabei handelt es sich um vierrädrige Fahrzeuge mit einer Leermasse bis 450 Kilogramm. Sie sehen zwar fast aus wie Pkws, haben aber eine deutlich andere Gewichtsklasse. Es gibt Leichtfahrzeuge, die sind dem Moped sehr ähnlich, haben aber vier Räder und eine Kabine. Auch dreirädrige Modelle wie die Ape von Piaggio gehören dazu. Der Markt ist also äußerst vielseitig und bietet viel Potenzial.

Zählen E-Scooter auch dazu? 

Nein, E-Scooter zählen nicht als LEV sondern als eKF (Elektrokleinstfahrzeug), da sie lediglich maximal 6 oder 20 km/h pro Stund e fahren dürfen. Ein wichtiges Merkmal der LEV-Klasse ist, dass sie eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 45 km/h erreichen. Deshalb braucht man auch eine Fahrerlaubnis oder eine Versicherung, beim E-Scooter nicht.

Für welche Zielgruppen sind die LEVs überhaupt interessant? 

Ich sehe sehr viel Potenzial bei Jugendlichen. Bereits ab 16 bzw. teilweise 15 Jahren dürfen die Fahrzeuge im Straßenverkehr genutzt werden. Jugendliche bekommen so günstige Alternativen zum Fahrrad, Pedelec oder Mofa, in denen sie auch einmal Freunde mitnehmen können. Viele der autoähnlichen Fahrzeuge sind zwar vermutlich noch nicht cool genug für Jugendliche, aber das wird sich sicherlich bald ändern. 
Als zweite große Gruppe sehe ich Gewerbe, die einzelne Kräfte mit wenig Material an unterschiedliche Orte in einer Stadt schicken müssen, z. B. private Pflegedienste, Essen auf Rädern oder Reinigungsunternehmen. Die Wartungskosten sind geringer und die Fahrzeuge sind das ganze Jahr über nutzbar. 

LEVs stecken in Deutschland und der EU allerdings noch in den Kinderschuhen. Was braucht es für Anreize für den Durchbruch?

Damit LEVs überhaupt eine Chance haben, müssen wir uns zwei Bereiche anschauen: die Fahrzeuge und die Infrastruktur. LEVs sind in der Anschaffung oder im Leasing teilweise deutlich günstiger als ein E-Cargobike oder E-Bike – und bieten dabei mehr Features. Auf der anderen Seite gibt es anders als beim E-Auto keine Fördermittel auf Bundesebene. LEVs sind eine kostengünstige Elektroalternative, der es jedoch an politischer Unterstützung fehlt. Das beweist erst Recht der Blick auf die Infrastruktur. LEVs haben, auch im Gegensatz zum Fahrrad, keine eigene Infrastruktur. Sie sind den aktuellen Herausforderungen des Pkws ausgesetzt. Es bräuchte deshalb eine eigene Infrastruktur auf den Hauptverkehrsstraßen oder Regelungen wie flächendeckend innerstädtisch Tempo 30. Wenn LEVs einfach im momentanen Verkehr mitschwimmen sollen, sind die Sicherheits-Features nicht auf dem Niveau eines Autos. Deshalb müssen Vorteile geschaffen werden: Durch Kaufanreize und eine gewisse Art von Privilegien, z. B. eigene, staufreie Spuren oder bessere Parkinfrastruktur. Das ist auch eine Frage des Wollens von der Politik. 

Meine persönliche Einschätzung: Die Infrastruktur muss zuerst da sein.

Viele Kommunen fördern aktuell den Kauf von Lastenrädern, schnell sind die Mittel aufgebraucht. Aber wenn die Fahrzeuge auf der Straße sind, wird klar, dass die Infrastruktur noch nicht so weit ist. Wäre das Geld für den Ausbau der Infrastruktur besser aufgehoben? 

Meine persönliche Einschätzung: Die Infrastruktur muss zuerst da sein. Der Fokus der Kommunen sollte immer zuerst auf der Infrastruktur liegen. Das ist der Bereich, indem private Unternehmen nichts machen können, weil sie nicht dürfen. Nicht falsch verstehen: Es ist gut und richtig, Kaufanreize zu schaffen. Aber erst in Schritt zwei. Im ersten Schritt sollte die Infrastruktur da sein, die die Fahrfreude fördert. Mit der Infrastruktur kommt dann der ganze Rest. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Bevor die Infrastruktur nicht da ist, wird der Nutzerkreis eingeschränkt bleiben. 

Was wir brauchen, ist ein Mobilitätsmix.

Der Raum in der Stadt wird ja nicht größer, sondern der Konflikt um die wenige Fläche ist im vollen Gange. Das Auto als Platzhirsch gibt nur ungern Raum frei. Sind die LEVs somit eigentlich mehr eine Konkurrenz zum klassischen Fahrrad und Pedelec? 

Reibungspunkte zum Fahrrad wird es sicherlich gegeben. Aber darin sehe ich eine Chance. Was wir brauchen, ist ein Mobilitätsmix. Dieser muss für unterschiedliche Anwendungen Sinn machen und sich nicht auf die Allzweckwaffe Pkw konzentrieren. Mit der Erhöhung von Parkdruck und der Entwicklung von nachhaltigem Denken wird dann die Frage nach Alternativen laut werden. Das wird der Zeitpunkt sein, wo man das LEV fester etablieren wird. Dann wird der Aufschrei groß sein, dass das Automobil wieder Raum verliert. Der Pkw ist nicht wegzudenken. Das ist unrealistisch. Das glaubt auch keiner. Aber wir müssen daran arbeiten, dass Dreiviertel der Menschen ein anderes Fahrzeug als das Auto nutzen wollen. Das LEV ist eine weitere Alternative zu Fahrrad und Öffentlichen Nahverkehr. Es wird sich nicht die eine Fahrzeugklasse durchsetzen, sondern es werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und die Nutzerinnen und Nutzer können dann das passende Fahrzeug wählen. Wenn es politisch gewollt ist, ist das alles möglich.

Viele Automobilhersteller produzieren bereits erste LEVs. Werden wir davon auch welche auf der EUROBIKE sehen?

Das ist unser Ziel. Ich habe bislang den Eindruck, dass die Automobilhersteller gerade auf Messen die LEVs nur zeigen, um die Überlegenheit des klassischen Pkws zu demonstrieren. Unser Ziel ist es, den LEV-Bereich ernst zu nehmen. Wir arbeiten an Konzepten, um LEVs als Chance und richtige Alternative zu zeigen. Wenn die Automobilhersteller dann zur EUROBIKE nach Frankfurt kommen und sich beteiligen, freuen wir uns erst recht. 

Kann der klassische Fahrradhandel eigentlich von den LEVs profitieren oder sind die Fahrzeuge in Zukunft im Autohaus zu finden?

Das ist eine gute Frage, weil man nicht weiß, was mit dem klassischen Autohaus passiert. Tesla macht es aktuell mit dem Direktvertrieb vor. Das bietet viele Vorteile für die Unternehmen. Der Fahrradhandel ist aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Fahrradtypen und -marken deutlich beratungsintensiver. Die LEV-Branche ist hier ähnlich: Es gibt ein paar große Namen, aber viele kleine Hersteller mit unterschiedlichen Features. Bei der Beratung sollte der Fahrradhandel deshalb im Vorteil sein. Beim Service sind die Produkte ebenfalls eine Chance für die Fahrradbranche, denn sie sind, salopp ausgedrückt, teilweise nur sehr, sehr große E-Bikes. Die Komponenten sind ähnlich, nur in größeren Dimensionen. Die Elektronik ist nicht so ausgefeilt wie beim Pkw. Aber man muss auch immer im Kopf haben: Die Autowerkstätten werden sich ändern und auf die Herausforderungen der Elektromobilität reagieren.