Fachkräftemangel in der Fahrradbranche: Umdenken ist gefordert

Die Fahrradbranche gilt als zukunftssichere und spannende Arbeitgeberin. Aber viele Unternehmen beklagen, dass sie kein geeignetes Personal finden. Wie kann das sein und was kann man konkret als Branche und einzelnes Unternehmen tun? Dafür gibt es unterschiedliche Antworten – Beispiele dafür finden sich beim EUROBIKE CAREER CENTER.

Wenn Gunnar Schmidt auf den Fachkräftemangel in der Fahrradbranche angesprochen wird, zitiert er gerne ein Volkslied aus dem 15. Jahrhundert. Darin heißt es: „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten bei sammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“ Übertragen auf den Fahrradhandel bedeutet das: Die Menschen haben Lust auf Fahrrad, aber der Handel findet kein neues Personal, weil es zu viele brancheninterne Probleme gibt. Die Folge: ein Kampf um die besten Köpfe und Talente. „Es beginnt bereits eine Kannibalisierung. Händler zahlen Wechselbonus, um die besten Kräfte abzuwerben. Das ist der falsche Weg. Durch die stärkeren Produktionsverlagerungen nach Deutschland wird sich der Kampf um die besten Köpfe in Zukunft noch verschärfen“, so Schmidt, der als Coach Fahrradhändlerinnen und -händler berät, und deshalb für neue Lösungen plädiert. 

Durch die stärkeren Produktionsverlagerungen nach Deutschland wird sich der Kampf um die besten Köpfe in Zukunft noch verschärfen

Handwerk geht das Personal aus

Die nackten Zahlen zeigen: Der Fahrradhandel steht aktuell beim Fachkräftemangel nicht allein da. Laut einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung fehlen im Handwerk fast 65.000 Fachkräfte. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht sogar von 250.000 offenen Stellen. Dabei gilt ein Handwerksberuf als krisenfest – was die Corona-Situation aktuell belegt. Aber Handwerksberufe haben in den letzten Jahren gerade bei jungen Leuten an Attraktivität stark einbüßt – und der Beruf des Zweiradmechatronikers ist leider nicht die Ausnahme, sondern sogar noch stärker betroffen als viele anderen Branchen. Trotz boomender Verkaufszahlen wurden 2021 lediglich 1.245 Ausbildungsstellen im Zweiradhandel besetzt. Im Ranking der Ausbildungsberufe liegt der Zweiradmechatroniker – Motorrad und Fahrrad zusammengefasst – auf Platz 75. Zum Vergleich: Die Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker begannen 20.697 Menschen, was Platz 3 bedeutet. 

Bessere Bezahlung, mehr Arbeiten?

Hier ist jedoch gleich ein Problem der Branche zu erkennen: Fachlich ist sie viel zu nahe an den lukrativeren Automobil- und Motorradbranchen. Wobei: Aufgrund fehlenden Personals punktet die Fahrradbranche mittlerweile mit höheren Gehältern – was allerdings wiederum mit längeren Arbeitszeiten verbunden ist. Fahrradmechanikerinnen und Fahrradmechaniker müssen deshalb noch immer eine hohe Leidenschaft für das Produkt mitbringen, um sich für das Berufsfeld langfristig zu begeistern. Ein Punkt, der Tobias Hempelmann, Stellvertretender Vorsitzender beim Zweiradhandelsverband (VDZ), aufstößt: „Viele Ladenbesitzer haben einen Hang zur Selbstausbeutung und verlangen das auch von ihren Mitarbeitenden. Aber eine Werkstatt muss im Sommer an Samstagen nicht voll besetzt sein, eine wechselnde Notfallbesetzung reicht.“ 

Work-Life-Balance wichtiger als Geld

Eine Studie von Xing E-Recruiting zeigt, wie die Vorstellungen in diesem Punkt von Inhabern und Angestellten auseinander gehen. Personalverantwortliche geben an, dass aus ihrer Sicht ein besseres Gehalt sowie eine starke Konkurrenz durch andere Arbeitgeber ausschlaggebend für einen Stellenwechsel von Mitarbeitenden sei. Die Angestellten geben hingegen eine bessere Work-Life-Balance, den Wunsch nach einer kompetenten Führung sowie eine spannendere Tätigkeit als Gründe an. Für Unternehmen, die diesen Wechsel der Bedürfnisse erkennen und entsprechend darauf reagieren, seien laut der Studie die Chancen größer, den Wettbewerb um Talente zu gewinnen. 

Interne Organisation verbessern

Deshalb sei es laut Hempelmann wichtig, dass im Fahrradhandel ein großes Umdenken stattfindet: „Inhaber sollen sich nicht um die schönste Titanlegierung kümmern, sondern die Abläufe im Unternehmen müssen stimmen. Da muss man auch einmal über seinen Schatten springen.“ Das sieht Uwe Wöll, Geschäftsführer beim Verbund Service und Fahrrad (VSF), ähnlich: „Grundsätzlich müssen wir uns die Frage stellen: Haben wir einen Fachkräftemangel oder einen Mangel an anderer Stelle?“ Mechaniker sollten nicht im Verkauf aushelfen, den Telefondienst oder den Hol-und-Bring-Service übernehmen müssen. Auf der anderen Seite könnten auch Verkaufsmitarbeitenden in einfachen mechanischen Tätigkeiten geschult werden, um einfache Service-Arbeiten zu übernehmen. So schaffe man mit ein wenig Umstrukturierung ein anderes Betriebsklima mit besserer Work-Life-Balance. 

Grundsätzlich müssen wir uns die Frage stellen: Haben wir einen Fachkräftemangel oder einen Mangel an anderer Stelle?

Potenzial von Frauen besser nutzen

Und das eröffnet wiederum auch jungen Leuten neue Möglichkeiten: Speziell die schwierigen Arbeitszeiten insbesondere mit Wochenendarbeit im Frühjahr und Hochsommer machen das Arbeitsfeld Fahrrad für Eltern unattraktiv. Es gäbe laut den Experten immer wieder Beispiele von jungen Menschen, die mit viel Elan in die Branche kommen, aber spätestens mit der Familiengründung ihr wieder den Rücken kehren.  Attraktive Arbeitszeitmodelle und bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie können hier Abhilfe schaffen. Zusätzlich ist es wichtig, auch mehr Frauen zu begeistern. Aktuell sind die Ausbildungseinsteiger zu über 90 Prozent männlich. Da es sich um ein technisches Berufsfeld handelt, hat sich über Jahrzehnte die Meinung gefestigt, dass die Fahrradbranche männerdominiert sein muss – auch, weil viele gar nicht wissen, dass es noch weit mehr Berufsmöglichkeiten abseits des Fahrradmechanikers gibt.  In den letzten Jahren hat sich ein Wandel eingestellt, der mehr Frauen in die Branche bringt. Aus der Industrie kommen immer wieder positive Stimmen, die von gemischten Teams schwärmen. Aber dafür werden auch Designerinnen, Ingenieurinnen und Produktentwicklerinnen gebraucht – von denen es bislang zu wenige gibt, die allerdings viel Potenzial hätten. Frauen könnten helfen, neue Aspekte und Ideen in die Branche zu bringen und das Thema ganzheitlicher zu sehen – und das nicht nur im Verkauf von Fahrradbekleidung.

Zeit ist gut für neue Strukturen

Die Fahrradbranche ist nämlich gerade an einem bedeutenden Punkt: Durch den Verkauf hochwertiger E-Bikes bekommen die Service- und Werkstattarbeiten eine viel höhere Wertigkeit. Ein effizient gestalteter Service steigert die Umsätze, braucht aber auch Investitionen. Nicht nur in neues Werkzeug, sondern in Personal, Ausbildung und Organisation. Um die Abläufe zu verbessern, sind laut Hempelmann allerdings auch die Hersteller und Lieferanten gefragt. Sie müssen daran arbeiten, ihre Strukturen bei der Service- und Garantieabwicklung zu modernisieren. „Wenn ich in der Werkstatt ein Ersatzteil für ein Fahrrad brauche, muss ich das direkt beim Fahrradhersteller bestellen können, und nicht erst den Zulieferer oder Großhändler raussuchen müssen. Das zermürbt die Mitarbeitenden, kostet Zeit und nimmt die Lust“, so Hempelmann. In der Folge findet eine Abwanderung der Fachkräfte statt.

Ausbildung modularisieren

Um das zu verhindern, sei es nun an der Zeit, die seit langem verfestigten Ausbildungsstrukturen im Handwerk zu reformieren und somit jungen Menschen und Quereinsteigern bessere Aufstiegschancen zu zeigen, speziell in kleineren Betrieben. Der VSF arbeitet deshalb an einem neuen, modularen Ausbildungssystem, das sowohl für junge Leute als auch für Quereinsteiger eine Leitlinie für die Ausbildung geben kann. „Wir wollen damit die Ausbildung akademischer gestalten“, begründet Uwe Wöll den Schritt. Ähnlich der Bachelor- und Master-Ausbildung an den Universitäten können Interessierte unterschiedliche Module erwerben und sich so stetig Qualifikationen für den nächsten Ausbildungsschritt holen. Gleichzeitig sind sie aber bereits während ihrer Ausbildung in Teilbereichen als volle Arbeitskraft einsatzfähig und können so für Entlastung sorgen. So könnten laut Wöll beispielsweise Module zum Laufradbau abgeschlossen sein und der Mitarbeitende sich in der Werkstatt mit Laufradarbeiten beschäftigen, obwohl ihm die Kompetenz bei der Federgabelwartung noch fehle. „Für Quereinsteiger bieten wir beispielsweise auch nur Module mit Grundbegriffen an, um einen niedrigschwelligen Einstieg in die Branche zu gewährleisten“, so Wöll. Allerdings stößt das Konzept auf Widerstand bei den Handwerkskammern und Innungen. Für Wöll wäre es allerdings ein wichtiger Schritt, um das Berufsfeld attraktiver zu gestalten. Änderungen gerade bei der Ausbildung passierten aktuell viel zu langsam. 

CAREER CENTER der EUROBIKE als Chance nutzen

Tobias Hempelmann sieht allerdings den Fachhandel ebenfalls in der Pflicht, zumindest Ausbildungsplätze anzubieten: „Man kann nicht nur immer sagen, dass man keine Leute findet, sondern auch einmal selbst die Zeit investieren.“ Realistisch betrachtet haben aber einzelne Händler allein kaum eine Chance, eigeninitiativ zu werben, um junge Auszubildende zu bekommen. Zu stark ist aktuell die Auslastung in Werkstatt und Verkauf. „Es braucht deshalb flächendeckende Änderungen“, ist sich Wöll sicher. Die EUROBIKE mit dem CAREER CENTER bietet dabei eine wichtige Plattform, um Menschen zu begeistern, in die Fahrradbranche zu kommen. Mit Vorträgen und verschiedenen Themenschwerpunkten werden unterschiedliche Berufsfelder und neue Entwicklungen vorgestellt. Die Errungenschaften der Branche, auch in Blick auf Klimaschutz und Verkehrswende, sind noch viel zu wenig bekannt. „Die Branche hat noch nie Selbstdarstellung gemacht und tut das auch noch viel zu wenig. Wir müssen als komplette Branche werben und zeigen, wie vielfältig und toll wir sind“, appelliert Wöll auch an andere Verbände, die aktuellen Chancen zu nutzen und Werbung für das Fahrrad zu machen. So finden die Königskinder sicherlich einen Weg, doch noch zueinander zu kommen.