WIE E-MOUNTAINBIKES DEN TOURISMUS VERÄNDERN

Ab Mitte Juni können sich E-Mountainbiker in der Jungfrau-Region in der Schweiz richtig austoben. Eine komplett durchorganisierte Drei-Tages-Tour führt auf dem sogenannten „Eiger E-MTB Loop“ entlang am weltberühmten Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Region wirbt auf der Homepage mit einer Tour „von einem Postkartenmotiv zum nächsten.“ Werbewirksam werden „pittoreske Weiler“, „Dörfer im Chaletstil“, „spektakuläre Wasserfälle“ und „umwerfende Gletscherblicke“ angepriesen. Die Etappen sind 30 bis 60 Kilometer lang und kombinieren Anstiege und Abfahrten meist auf Singletrails. Die Strecke verläuft durchgehend auf ausgeschilderten Bike-Wegen, Akku-Ladestationen stehen zur Verfügung, der Gepäcktransfer ist inklusive. 780 Schweizer Franken kostet die Drei-Tages-Tour mit zwei Übernachtungen – und spricht damit nicht ein junges, spaß-orientiertes Mountainbike-Klientel an, sondern eher ein Publikum, das sich bislang mehr am Donauradweg als im Bikepark vergnügte.

 

„Eine attraktive Region für E-Mountainbiker zu schaffen ist mittlerweile weit mehr, als lediglich eine Ladesäule aufzustellen. Es braucht neue Gedanken und Ideen, weil auch ein anderes Klientel angesprochen wird. Sportliches Radfahren wird mit Genuss und kulturellen Erlebnissen kombiniert“.

Für Nico Graaff vom Mountainbike-Tourismusforum ist die Jungfrau-Region eine von immer mehr Beispielen, wie das E-Mountainbike den Tourismus verändert. „Eine attraktive Region für E-Mountainbiker zu schaffen ist mittlerweile weit mehr, als lediglich eine Ladesäule aufzustellen. Es braucht neue Gedanken und Ideen, weil auch ein anderes Klientel angesprochen wird. Sportliches Radfahren wird mit Genuss und kulturellen Erlebnissen kombiniert“, so Graaff. Auch Tamara Winograd, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Bosch eBike Systems, sieht ein breites Spektrum an unterschiedlichen Nutzern: „Das E-Mountainbike ist in allen Altersklassen angekommen und findet großen Anklang. Immer mehr Menschen verbringen ihre Freizeit aktiv – und leihen sich testweise auch gerne mal ein E-Bike. Der Urlaub bietet sich hier sehr gut an, weil man Zeit und Ruhe hat, sich auf etwas Neues einzulassen. Und das auf Single Trails oder breiteren Forst- und Waldwegen.“ Das E-Mountainbike sei für viele der Türöffner in die E-Mobilität.

 

 

„Heute gibt es vielerorts schon gut ausgebaute Trailnetze, die auch bergauf Spaß machen. E-Mountainbiker können so Touren mit hohem Singletrail-Anteil zusammenstellen – bergauf wie bergab“,

Der Uphill-Flow, also das sportliche Bergauffahren, ist dabei ein elementarer Bestandteil, um einerseits die E-Mobilität zu erfahren, andererseits auch den Mountainbike-Sport zu entdecken. Bosch hat dafür im Bayerischen Wald bereits 2017 den weltweit ersten offiziellen Uphill-Flow-Trail mitorganisiert. Ein touristisches Highlight und ein Leuchtturmprojekt, um die Wichtigkeit einer E-MTB-optimierten Streckenführung zu zeigen und den Fahrspaß erlebbar zu machen. „Heute gibt es vielerorts schon gut ausgebaute Trailnetze, die auch bergauf Spaß machen. E-Mountainbiker können so Touren mit hohem Singletrail-Anteil zusammenstellen – bergauf wie bergab“, so Winograd. Für ein gemeinsames Naturerlebnis sei es wichtig, mit gegenseitigem Respekt gegenüber anderen Nutzergruppen und der Natur unterwegs zu sein. Für touristische Hotspots sieht Winograd die Aufgabe, durch attraktive Zusatzangebote Besucherströme zu entflechten und zu lenken.

 

Um hier zu unterstützen, plant Bosch eBike Systems gemeinsam mit Partnern in diesem Jahr Projekte im Bereich Routenplanung und Ladeinfrastruktur. Denn viele E-Mountainbiker legen Wert darauf, ihre Touren direkt am Hotel starten zu können, um im Urlaub möglichst autofrei zu sein. Andere nutzen wiederum Liftanlagen oder lassen sich per Auto oder Bus shutteln. „Durch verschiedene Startorte und die Akku-Unterstützung kommen E-Mountainbiker an andere Ziele, auch weit weg von den Hauptwegen. Hierdurch eröffnen sich für Tourismusregionen neue Chancen und Möglichkeiten“, sagt Winograd. Auch Regionen ohne große Liftanlagen können nun interessant für Mountainbiker werden und so stark frequentierte Wege in touristischen Hotspots entzerren, zumal der Neubau von Liftanlagen ökologisch umstritten bleibt.

„Durch verschiedene Startorte und die Akku-Unterstützung kommen E-Mountainbiker an andere Ziele, auch weit weg von den Hauptwegen. Hierdurch eröffnen sich für Tourismusregionen neue Chancen und Möglichkeiten“,

Nico Graaff greift zusätzlich den Punkt auf, dass E-Mountainbiker zwar längere Touren fahren könnten, sich oft aber mit kürzeren Runden begnügen, um den Nachmittag anderweitig zu verbringen. „Wenn der Hüttenwirt erst um 11 Uhr öffnet, sind die E-Mountainbiker schon wieder auf der Abfahrt, weil sie nachmittags z. B. ins Schwimmbad wollen. Darauf müssen sich die Regionen einstellen“, gibt er als Tipp. Außerdem rät er dazu, die E-Mountainbike-Strecken so zu legen, dass kulturelle Sehenswürdigkeiten und Highlights integriert sind. Das könne beispielsweise auch mal ein Museum sein. „Dann sollten vor dem Museum allerdings auch Parkmöglichkeiten für die Räder sowie Aufbewahrungsmöglichkeiten für Helme geschaffen werden“, so Graaff. Navigation per GPS und Informationsbereitstellung über Ladeinfrastruktur, Öffnungszeiten, Wegenutzung und kulturelle Hintergründe per App seien dabei entscheidende Faktoren für den erfolgreichen Aufbau einer passenden Infrastruktur. Auch das Service-Netzwerk und die Möglichkeit zum Radleihen sind zu beachten. „Manche Regionen sind da schon superweit, andere hinken noch stark hinterher“, fasst Graaff zusammen. Beim erfolgreichen Ausbau von E-Mountainbike-Tourismus müssen deshalb noch viele Rädchen ineinandergreifen.