NEUE VERKAUFSREKORDE - UND JETZT?

Fahrradhändler und auch -hersteller vermeldeten im Mai und Juni stetig neue Umsatzrekorde. Ist es deshalb ein gutes Jahr für die Branche? Für eine Beantwortung ist es noch zu früh. Abgerechnet wird bekanntlich zum Schluss. Das trotz Corona sehr gute Frühjahr kann bald für ein böses Erwachen sorgen: In vielen Läden ist bzw. wird die Ware knapp.

Besonders E-Bikes sind aus unterschiedlichen Gründen stark nachgefragt. Beim Systemanbieter Bosch gehen die Verantwortlichen sogar davon aus, dass ab Juli vielerorts E-Bikes komplett vergriffen sind. Um den Nachschub sicher zu stellen, hat der Zulieferer seine Produktion dahingehen verändert, dass die Radhersteller bereits im August mit neuen Antrieben rechnen können. So sollen Lieferausfälle im Spätsommer minimiert werden. Lieferprobleme zwecks fehlender Teile sind in der Fahrradbranche ehrlichweise nicht die Ausnahmen, sondern die Regel. Der Unterschied bei Corona: Diesmal ist nicht nur ein Hersteller betroffen, sondern die gesamten weltweiten Produktionslinien bis hin zur Transportkette. Die Wiederbelebung der Lieferketten ist für Jörg Müsse vom Handelsverband Bico & Co. enorm wichtig. Bei der Beschaffung von Rohstoffen zeigten sich aktuell schon erste Probleme. Auch wichtige Teile wie Reifen, Schläuche oder Sättel werden bei manchen Zulieferern knapp. Hinzu kommen Schwierigkeiten mit der Versorgung von Elektroteilen. „Das Wiederbeleben der Lieferkette wird das entscheidende Thema sein, um die gestiegene Nachfrage zu bedienen“, verweist Müsse.

Das Wiederbeleben der Lieferkette wird das entscheidende Thema sein, um die gestiegene Nachfrage zu bedienen“.

Viele Fahrradhersteller halten sich aktuell mit Aussagen zu Lieferzeiten zurück. Keiner will eine Prognose wagen – auch weil sich die Situation täglich ändert. Doch Optimismus ist angebracht, wie die Zahlen des taiwanesischen Fahrradherstellers Merida, einem der größten Rahmenbauer der Welt, zeigen: Der E-Bike-Sektor wird weltweit zum Wachstumsmarkt. Während in diesem Jahr das Ergebnis bereits übertroffen wurde, könnten die Taiwanesen 2021 bis zu 400.000 E-Bikes produzieren und verschiffen. Geplant waren für den Zeitraum lediglich rund 340.000. „Die Fahrradbestellungen haben zugenommen und reichen voraussichtlich bis weit in das nächste Jahr hinein“, analysierten die Investment-Strategen Angus Chuang und Jenny Liu gegenüber der Zeitung Taipeh Times die aktuelle Lage.

„Die Fahrradbestellungen haben zugenommen und reichen voraussichtlich bis weit in das nächste Jahr hinein“.

Das Problem liegt jetzt vielmehr in den Häfen und einer teilweis stark eingeschränkten Transportkette. Aufgrund des weltweiten Stillstandes fehlen Schiffscontainer in den asiatischen Häfen, um die fertige Ware abzuholen. Als Alternative kristallisiert sich der Transport per Bahn heraus. Die von China initiierte „Neue Seidenstraße“ nimmt also mehr und mehr Gestalt an. „Das spart Zeit und wir können die Verfügbarkeit aufrechterhalten“, begründet Markus Krill, Geschäftsführer beim Anhängerspezialisten Croozer, den Wechsel von Wasser auf Gleis. Allerdings steigen dadurch die Transportkosten, was wiederum bei der Kalkulation mit einberechnet werden muss. „Preissteigerungen in den nächsten Jahren sind wegen steigender Transportkosten und Materialengpässen nicht auszuschließen“, fasst Alexander Kraft vom Liegeradspezialisten HP Velotechnik deshalb zusammen.

Denn während in Asien die Produktion zumindest zum Großteil wieder angelaufen ist, kommen schlechte Nachrichten aus den USA: Viele kleinere Fahrradbetriebe, die meist noch in Handarbeit hochwertige Komponenten produzieren, standen lange bzw. stehen noch immer still. Diese Teile werden aber aktuell in Deutschland stark nachgefragt, z. B. zum Nachrüsten.  „Es wird zu Lieferverzögerungen kommen“, bestätigt Daniel Gareus vom Großhändler Cosmic Sports, der viel mit US-Marken zusammenarbeitet. Ca. drei bis vier Monate könnte der Verzug in etwa dauern.

"Es wird zu Lieferverzögerungen kommen“.

Ist eine heimische Produktion mit kurzen Lieferzeiten und schneller Warenbeschaffung gerade in Coronazeiten ein Wettbewerbsvorteil? Ja, findet Peter Wöstmann vom Taschenspezialisten Ortlieb. Das Unternehmen fertigt im mittelfränkischen Heilsbronn. Man sei aktuell fast komplett lieferfähig, könne schnell nachsteuern, falls ein Produkt nicht mehr vorrätig sei, und hätte die Phase im März und April genutzt, um die Lagerbestände aufzufüllen. Doch ganz problemlos läuft es auch am Standort Deutschland nicht: Um die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten zu können, mussten viele Hersteller auf einen Schichtbetrieb umstellen, was zu Produktionsrückgängen führte. Schwerwiegender ist, dass einige Unternehmen zur Konfektionierung und Montage mit Behindertenwerkstätten zusammenarbeiten. Was in Normalzeiten eine soziale Maßnahme ist, erweist sich aktuell als Problem: Es wird voraussichtlich noch Monate dauern bis die Werkstätten wieder im Normalbetrieb unter Achtung der nötigen Hygienevorkehrungen laufen – und bis dato kann eine wachsende Nachfrage schwer bedient werden. „Made in Germany fliegt uns aktuell um die Ohren“, so ein betroffener Hersteller.