LIEFERSITUATION 2021: ES KÖNNTE ZU ENGPÄSSEN KOMMEN

Das Jahr 2020 geht zu Ende. Es war spannend und vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt: Nach dem Lockdown mit geschlossenen Läden im März und April verzeichneten viele Fahrradhändler in den folgenden Monaten Verkaufsrekorde – und so mancher war im Hochsommer bereits ausverkauft. Auch in den Lagern der Hersteller herrschte gähnende Leere. Der Blick richtet sich deshalb auch ein wenig sorgenvoll ins Jahr 2021: Wie wird die neue Fahrradsaison laufen?

Lieferverzögerungen sind in der Fahrradbranche nichts neues. 2021 wird dennoch eine große Herausforderung. „Die Nachfrage nach Fahrrädern steigt weltweit, die Verkaufszahlen wachsen“, sagt Jörg Müsse, Geschäftsführer des Handelsverbandes Bike & Co. Fahrräder wurden mit Verweis auf leere Regale deshalb medial schon als das „neue Klopapier“ bezeichnet. Der Effekt ist tatsächlich ein ähnlicher: Auf eine überdurchschnittlich hohe Nachfrage, welche die Lager leerräumte, folgt ein anschließender Engpass. Der Unterschied zum Klopapier: „Die Lieferkette ist auf diese Zuwächse nicht ausgerichtet, die sonst wahrscheinlich sogar aufgefangen werden könnten“, befürchtet Heiko Truppel, Marketingmanager beim Liegeradspezialisten HP Velotechnik. Es sei deshalb gar nicht so einfach, die vorhandenen Kapazitäten auszubauen bzw. die Produktion bei den Fertigungspartnern hochzufahren. Lieferzeiten von zwölf bis 14 Monaten auf manche Komponenten sind keine Ausnahme mehr, sondern Normalität. Viele Fahrrad-, Komponenten- und Zubehörhersteller arbeiten zudem auch personell seit Monaten am Anschlag. „Wir müssen deshalb extrem weit vorplanen, um uns freie Produktionsslots zu sichern“, berichtet Lara Santjer vom Markenvertreiber Sport Import über die Folgen. Selbst bei in Deutschland produzierenden Unternehmen werde trotz Mehrschichtbetrieb und Wochenendarbeit mit deutlich längeren Lieferzeiten kalkuliert. Müsse befürchtet deshalb: „Es wird wohl zu einer Knappheit kommen.“

 

„Die Nachfrage nach Fahrrädern steigt weltweit, die Verkaufszahlen wachsen“

Hannes Neupert, Vorsitzender von ExtraEnergy, sieht das ähnlich. In einem Gastbeitrag für das Branchenmagazin Velobiz.de schreibt er: „Derzeit scheint der einzige begrenzende Faktor für die weitere Umsatzsteigerung das stockende Marktangebot zu sein.“ Zwar gäbe es volle Auftragsbücher, aber auch Lieferengpässe gerade bei wichtigen Komponenten, deren Produktion in der Hand von wenigen Hersteller liege. „Die Gewinner der derzeitigen Situation sind Unternehmen mit umfangreichem Cashflow, langfristiger Einkaufsplanung und optimistischen Vorbestellungen. Ihre Lieferungen sind gesichert und sie können im nächsten Jahr produzieren und zweistellige Umsatzsteigerungen erreichen“, prognostiziert Neupert. Er rechnet optimistisch in den nächsten fünf Jahren mit bis zu jährlich 40 Millionen verkaufter E-Bikes in Europa – was die herkömmlichen Strukturen und Produktionsprozesse allerdings nur schwer abbilden könnten. Außerdem kommt noch das aktuell ebenfalls boomende E-Bike-Geschäft in Nordamerika dazu.

 

Auf der anderen Seite berichten Fahrradhändler bereits von Kürzungen bei der Vororder durch die Hersteller und speziell kleinere Hersteller und Händler könnten in nächster Zeit von Engpässen betroffen sein, wenn sich die großen Marktteilnehmer die wenige verfügbare Ware sichern. Eine Abkehr vom jährlichen Modellwechsel sowie ein abgespecktes Produktportfolio würden eine effizientere Produktion fördern und Lieferengpässe vermeiden, schlägt Neupert vor. Beides wird bekanntlich immer wieder gerne diskutiert und schon teilweise umgesetzt.

"Zwar gäbe es volle Auftragsbücher, aber auch Lieferengpässe gerade bei wichtigen Komponenten, deren Produktion in der Hand von wenigen Hersteller liege"

Diese Prognosen lassen die Branchenvertreter schließlich doch frohen Mutes ins Jahr 2021 blicken. Bei der Bico kalkulieren manche Händler mit bis zu 20 Prozent Umsatzsteigerung, der Verband geht von durchschnittlich zehn Prozent aus. Der Grund laut Müsse: „Die Leute fahren einfach mehr Rad.“ Auch beim Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) ist man zuversichtlich, obwohl die Produktions- und Einkaufsplanung in diesem Jahr herausfordernder denn je sei. „Wenn die Lieferketten stimmen, sehe ich keine Probleme, aber ich sehe auch viele Fragezeichen“, so David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation.

„Wenn die Lieferketten stimmen, sehe ich keine Probleme, aber ich sehe auch viele Fragezeichen“

Produktive Lieferketten sind eines der wichtigsten Themen von Susan Lund, Analystin beim McKinsey Global Institute. „25 Jahre lange wurde eine globale Lieferkette aufgebaut, die günstig und effizient arbeitet, aber es wurde nie daran gedacht, dass etwas schief gehen könnte“, urteilt sie im hauseigenen Podcast. Industrieexperten rechneten aber aktuell mit pandemiebedingten Unterbrechungen der Lieferketten von durchschnittlich ein bis zwei Monaten alle dreieinhalb bis vier Jahre. Änderungen seien deshalb zwingend notwendig, um nicht nur eine flexiblere Liefersituation zu erlauben, sondern generell auch eine bessere Wertschöpfung und Versorgung der Kunden. Die Marktsituation biete deshalb gerade Neueinsteigern große Chancen, sich Marktanteile der etablierten Hersteller zu sichern oder sogar den Fahrradmarkt auf den Kopf zu stellen, ist sich Neupert sicher. Dafür müssten aber auch andere Strukturen geschaffen werden. Wer dabei viel im eigenen Haus umsetzt, umgehe die Problematik der Abhängigkeit von den Global Playern. So könnten z. B. neue E-Bike-Hersteller ein eigenes Antriebssystem entwickeln, und somit flexibler agieren.

„25 Jahre lange wurde eine globale Lieferkette aufgebaut, die günstig und effizient arbeitet, aber es wurde nie daran gedacht, dass etwas schief gehen könnte“