LIEFERKETTEN NACH CORONA - DER RUF NACH VERÄNDERUNG

Die angespannte Liefersituation macht aktuell Fahrradhändlern und -herstellern in ganz Europa zu schaffen. Laut einer Umfrage des Verbandes Cycling Industrie Europe (CIE) befürchten 85 Prozent der befragten Hersteller, dass es weiterhin zu Lieferverzögerungen kommen kann – und sich die Lage in den kommenden Monaten auch nicht verbessern wird. Alternative Maßnahmen werden deshalb diskutiert.

Über die aktuelle Liefersituation aus Asien erfährt man nur wenig. Viel wird verschwiegen, öffentliche Kommunikation ist unerwünscht. So klagen europäische Hersteller immer wieder darüber, dass sie von ihren langjährigen asiatischen Partnern nur wenig Informationen und Auskünfte über Lieferzeiten erhalten. Und wenn doch eine Information durchsickert, ist diese entweder äußerst spontan oder kaum verbindlich. Viele Länder, die von Corona bislang mehr oder weniger verschont blieben, haben dazu aktuell mit verschärften Corona-Maßnahmen zu kämpfen. Das trifft beispielsweise auf Malaysia oder Taiwan zu. Auf der Pazifikinsel gab es im Frühjahr zusätzlich noch eine schwere Dürre, die sogar für eine Rationierung der Trinkwasserversorgung sorgte. Die daraus resultierenden Schließungen der Produktionsstätten verbunden mit der weltweit erhöhten Nachfrage haben dazu geführt, dass gerade bei Komponenten eine große Knappheit entstand – die so gut wie jeden Fahrradhersteller getroffen hat. Zudem haben sich die Zeiten für die Vorbestellung verlängert, was mehr Investment für die Radhersteller bedeutet. Gerade kleinere und mittlere Hersteller stellt das vor große Herausforderungen, auch weil sie nicht kalkulieren können, ob der gegenwärtige Boom über die nächsten Jahre anhält und sich ein langfristiges Investment in Wachstum wirklich auszahlt. Beim CIE, dem u.a. Marktgrößen wie die Accell Group, Pon Bike, Sram und Trek angehören, rechnet man allerdings damit, dass europaweit die Verkäufe von Rädern pro Jahr im Optimalfall bis 2030 von aktuell knapp über 20 Millionen auf bis zu 40 Millionen steigen können. In einer vorsichtigeren Schätzung wird immer noch mit mindestens 25 Millionen Rädern kalkuliert – und diese steigende Nachfrage muss bedient werden. Kevin Mayne, CEO des CIE, berichtet sogar davon, dass es mittlerweile Druck aus der Politik auf die Fahrradbranche gibt. Die Politiker, die seit ein paar Jahren Millionen in einen Ausbau der Radinfrastruktur gesteckt haben, zeigen sich wenig begeistert davon, dass weniger Räder verfügbar seien als nachgefragt werden.

 

Digitalisierung der Lieferkette vorantreiben

Zur Verbesserung der Planungssicherheit ist eine weitere Digitalisierung der Lieferketten ein wichtiges Puzzlestück. Lieferketten werden immer komplexer, wie die letzten Monate zeigten. Es geht längst nicht mehr nur um die Beschaffung fertiger Waren, sondern um Vorausplanungen über längere Zeiträume, damit Rohstoffe und Produktionsressourcen gesichert werden können. Mit steigender Elektrifizierung der Räder steht die Fahrradbranche in direkter Konkurrenz zur Automobil- oder IT-Branche. Und auch hier sind die Produktionskapazitäten schnell erschöpft, wie die längeren Wartezeiten für Halbleiter und Computerchips Anfang 2021 zeigten. Selbst die Automobilbranche, die bereits seit längerem auf eine wachsende Digitalisierung der Lieferkette setzt, wurde davon kalt erwischt. Damit die steigende Komplexität beherrschbar bleibt, scheint eine digitale Transformation der Lieferketten auch für die Fahrradbranche unvermeidlich. Große Datenmengen lassen sich so besser analysieren und mithilfe von künstlicher Intelligenz bessere Prognosen ableiten. So soll es Computer-gestützte Analysen gegeben haben, die die wachsende Nachfrage nach Fahrrädern bereits im Frühjahr 2020 vorausgesagt und die Unternehmen frühzeitig zu mehr Bestellungen noch während der Lockdown-Phase angeregt haben. Für einen erfolgreichen Einsatz solcher Digitalisierungstools braucht es jedoch eine hohe Datenqualität – und diese fehlt gerade bei kleineren Unternehmen. Aber ohne große Datengrundlage können alle darauf basierenden Entscheidungen falsch sein. So gibt es beispielsweise auch Prognosen von Marktteilnehmern, die davon ausgehen, dass die aktuell starke Nachfrage bereits 2023 wieder sinken wird. Deshalb ist man längeren Investitionen gegenüber kritisch und wartet lieber ab. Erschwerend kommt hinzu, dass bei vielen, gerade kleineren Herstellern die Abwicklung der enormen Nachfrage an erster Stelle steht. Interesse und Möglichkeiten, jetzt Ressourcen in Innovationen und weiterführende Projekte zu investieren, halten sich deshalb in Grenzen.

 

Selbst bei den Logistikern, eigentlich einem Treiber der Digitalisierung, gibt es noch deutlichen Verbesserungsbedarf, wie eine Studie von Hermes Logistic zeigt. Nur rund 25 Prozent der Befragten Logistiker hätten bereits eine Strategie zur Digitalisierung der Lieferkette entwickelt. Die Notwendigkeit der digitalen Transformation werde zwar erkannt, aber es fehle an Know-how sowie finanziellen und personellen Ressourcen. Ein Fachkräftemangel ist deshalb gerade im Bereich der Logistik zu erwarten, weil die für die Transformation wichtigen ITler fehlen – und zwar nicht nur in Europa, sondern speziell in China, wie das Mercator Institute für China Studies bereits vor Jahren feststellte. Hinzu kommt, dass die globalen Lieferketten äußerst fragil für kurzfristige, unberechenbare Änderungen sind. Die Blockade des Suez-Kanals sowie die Sperrung des chinesische Hafen Yantian hatten einen starken Einbruch zur Folge – weltweiter Containermangel und daraus resultierende Preissteigerungen inklusive. Es wird noch Wochen dauern, bis die Logistik wieder reibungslos läuft – keine neuerlichen Störungen vorausgesetzt.

 

Rückholung der Produktion nach Europa

Mehr Produktionskapazitäten in Europa würden dabei helfen, die aktuellen Lieferengpässe zumindest in Teilen zu entzerren. Giant eröffnete beispielsweise 2020 ein Werk in Ungarn, der Antriebsspezialist Bafang und der Kinderradhersteller Woom gingen nach Polen, Riese & Müller lässt seine Rahmen mittlerweile in Portugal fertigen. Durch die Unterbrechungen in der Lieferkette wegen der weltweiten Corona-Unsicherheit addiert mit den steigenden Transportkosten gelten diese Länder als äußerst lukrativ. Selbst bei der Fertigung von Carbonrahmen gibt es bereits Möglichkeiten, die Produktion von Asien nach Europa zurück zu verlagern. Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt dabei eine Rolle, weil immer mehr Endverbraucher darauf achten, wo ihr Produkt herkommt und Wert auf eine nachhaltige Produktion mit möglichst kurzen Transportwegen und wenig CO2-Fußabdruck legen. Doch macht eine großangelegte Rückholung der Rahmenproduktion nach Europa wenig Sinn, wenn die Komponenten weiterhin in Asien gefertigt werden. Für eine europäische Komponentenproduktion für den Massenmarkt fehlt es zur Zeit an Kapazitäten und Know-how. Die nötige Fertigungstiefe wird von europäischen Fachkräften teilweise nicht erreicht. Um die zu erwartende wachsende Nachfrage deshalb planvoller zu gestalten, erarbeitet der CIE eine Roadmap für Europa, die bis 2030 umgesetzt werden soll. Zu den Maßnahmen zählen beispielsweise mehr qualifizierte Jobs zu schaffen oder für mehr Investment zu sorgen, aber auch die Beschaffung von Rohmaterial sowie die Unterstützung bei Entwicklung und Innovation.

 

Kooperationen ermöglichen

Kapazitäten bündeln und eine Zusammenarbeit mit anderen Branchenpartnern zu generieren, kann dabei ein Schlüssel für langfristigen Erfolg sein. Auch bei Entwicklungen, die über das Kerngeschäft hinaus gehen, helfen Zusammenschlüsse mit anderen Partnern, was gerade in Puncto Elektromobilität und Konnektivität weiter zunehmen wird. Arbeitsteilungen zwischen Unternehmen charakterisieren hoch entwickelte Volkswirtschaften, schreibt beispielsweise Prof. Dr. Dr. Hans-Christian Pfohl von der Universität Darmstadt in einem Artikel bei Manager-Wissen. Unternehmen könnten sich so auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, während für weitere Maßnahmen die Kompetenzen anderer Unternehmen genutzt würden. Das spare Fixkosten, habe aber noch mehr Komplexität in der Lieferkette zur Folge. Zudem benötige die Abgabe von Kompetenzen eine Offenheit aller Partner. Die Akzeptanz für solche Schritte ist jedoch bei vielen Marktteilnehmern noch nicht da, weil sie nicht die Maximierung des eigenen Profits sehen, wenn sie mit anderen zusammenarbeiten. Ein Umdenken ist jedoch Voraussetzung, um für die Zukunft aufgestellt zu sein, so eine Prognose der Berliner Innovationswerkstatt Velolab. Auch gemeinschaftliche Events und Treffen mit Teilnehmern über die Fahrradbranche hinaus können helfen, den Austausch und die Zusammenarbeit zu verbessern. Denn die Herausforderungen an die Fahrradbranche werden nicht geringer.