FAHRRADHANDEL IN CORONA: ZWISCHEN UMSATZREKORDEN UND ZUKUNFTSANGST

Seit dem 27. April haben die Fahrradläden deutschlandweit wieder geöffnet. Vor vielen Läden bildeten sich lange Schlangen. Die Nachfrage nach Fahrrädern und E-Bikes überraschte dabei selbst die Händler. Es scheint, dass die Corona-Zeit dem stationären Handel nicht nachhaltig geschädigt hat.

Bei Rad & Tour in Cuxhaven herrschte eine Art Blockabfertigung. Jeder Kunde hatte genau eine Stunde Zeit für seinen kompletten Radkauf – dann stand schon der nächste bereit. Beratungstermine mussten vorab im Internet gebucht werden. „Ohne Termin kam man bei uns nicht rein“, berichtet Inhaber Thorsten Larschow. Mit der Situation ist er äußerst zufrieden, auch wenn Spontan- und Zubehörverkäufe fehlten. Aber: „Wir waren bis Mitte Mai ausgebucht!“ Der Umsatz hätte in der Corona-Zeit sogar zugelegt und auch die Kunden finden das Vorgehen besser. „Es war weniger Hektik im Laden. Wir werden in Zukunft nicht von dem System abkehren“, meint Larschow.

„Wir waren bis Mitte Mai ausgebucht!“

Auch Reiner Probst vom Radladen Velophil in Berlin freute sich über eine hohe Nachfrage. Dabei zählte er noch zu den Glücklichen, denn Berliner Radhändler waren von dem Lockdown nicht betroffen. „Allerdings wussten die Kunden nicht, dass wir offen hatten“, berichtet Probst, der deshalb eine Delle im März-Umsatz feststellte. Doch im April klingelten die Kassen. „Wir lagen rund 30 Prozent über einem durchschnittlichen April“, berichtet Probst. Speziell Freizeit- und Reiseräder waren gefragt, und das am besten hochwertig.

Das diese beiden Beispiele keine Einzelfälle sind, unterstreicht der Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ). „Der Bikehandel kommt mit viel Einsatz und vielen geänderten Details gut aus der Krise und ist erstaunlicherweise sehr zufrieden“, fasst Vorstand Dietmar Knust zusammen. Viele Radhändler wurden überrannt und Kunden nahmen bis zu zwei Stunden Wartezeit für eine Beratung in Kauf. Nach dem verkaufsschwachen März, in dem die Umsatzeinbußen zwischen 30 bis 60 Prozent lagen, habe der April vielerorts einen Teil der Ausfälle kompensieren können. Einen Grund dafür sehen die VDZ-Vertreter in den geltenden Reiseeinschränkungen der Bundesregierung, die auch den weiteren Saisonverlauf prägen könnten. Aus der lange geplanten Fern- wird so spontan eine regionale Radreise. Ebenfalls von Vorteil war, dass die Fahrradwerkstätten deutschlandweit während des Lockdowns geöffnet bleiben durften. Viele Menschen aus der näheren Umgebung brachten deshalb ihre Räder zum Service. Markus Boscher vom Radladen Velorado in Nürnberg freute sich über diese Solidarität aus der Nachbarschaft: „Die Leute brachten ihre alten Räder vorbei, um die Werkstatt und somit unser ganzes Geschäft zu unterstützen.“ Seit der Öffnung brummt auch bei ihm wieder der Verkauf. Dabei war der Handel durch die eingeschränkte Öffnung der Werkstätten gut vorbereitet, um sich mit Hygienekonzepten vertraut zu machen.

 

„Die Leute brachten ihre alten Räder vorbei, um die Werkstatt und somit unser ganzes Geschäft zu unterstützen.“

Doch die Entwicklung zeigt auch erste Schattenseiten: Während die stationären Fachhändler aufgrund des Lockdowns durch kreative Maßnahmen wie Telefon- und Vor-Ort-Beratungen sowie Hol-und-Bring-Service einen hohen Zeitaufwand für geringen Umsatz leisten mussten, zehrte die plötzliche, hohe und teilweise nicht zu organisierende Nachfrage an den körperlichen Belastungsgrenzen. Viele Händler konnten aufgrund der kleinen Teamgröße keinen Zweischichtbetrieb umsetzen. Bei einem Coronafall im Team hätte das eine Quarantäne des gesamten Personals für zwei Wochen bedeutet. Hinzu spielte die Angst mit, dass die aktuelle Nachfrage nur ein Strohfeuer sein könnte. Der Umsatzeinbruch komme erst zu einem späteren Saisonzeitpunkt, wenn Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit die Prioritäten beim Konsum weg vom Fahrradkauf verlagern, so die Befürchtung einiger Händler. Auch die Nachlieferfähigkeit vieler Hersteller kann für den Handel schnell zum Problem werden. Durch die Werksschließungen in China hängt die Rahmenproduktion noch hinterher. Händler berichten bereits von Wartezeiten bis zu sechs Monaten auf einfache Cityräder. Und über allem schwebt das Damokles-Schwert eines zweiten Lockdowns in diesem Jahr.

 

Fazit: Der stationäre Fahrradhandel hat den Lockdown und die ersten Aufhebungsmaßnahmen erstaunlich gut überstanden. Das spricht für die Bedeutung des Fahrrades und die Resilienz der Branche. Trotzdem steht der Handel immer noch vor enormen Herausforderungen und Risiken. Corona ist noch nicht vorbei.