AUGMENTED REALITY: SERVICE IN NEUER DIMENSION

Digitale Programme zur Einbindung virtueller Inhalte in reale Situationen erweitern die Wahrnehmungsfähigkeit und können eine sinnvolle und erlebnisreiche Ergänzung zu den natürlichen Sinnen sein. Davon kann auch der Fahrradhandel profitieren – sowohl beim Service als auch beim Verkauf.


 

„Wir leben für Hightech und Design. In Zukunft wird es bestimmt noch mehr smarte Features zu entdecken geben“

Sicherlich ist jeder schon einmal mit Augmented Reality (kurz: AR) in Kontakt gekommen, ohne es gezielt zu wissen. Dabei sind die futuristischen Brillen, die z. B. für Computersimulationen genutzt werden, nur eine, aber die vermutlich auffälligste Form. Dezentere Beispiele sind Fußballübertragungen im TV, wenn die Entfernung des Freistoßes eingeblendet wird, oder die Navigationshilfe im Auto direkt auf die Windschutzscheibe. Auch in Kombination mit dem Smartphone wird die Verbindung aus Virtualität und Realität immer beliebter. Objekte stehen einfach per Scan im dreidimensionalen Bezug und ermöglichen eine Interaktion (nahezu) in Echtzeit. Rund 13 Prozent der Deutschen sollen 2020 auf ihrem Handy bereits AR-Anwendungen genutzt haben – das sind rund doppelt so viele wie noch 2019. Selbst die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung nutzte für ihre Ausgabe am 2. Oktober Augmented Reality. Durch die Einbindung von Video- und Audiobeiträgen, 3D-Animationen und interaktiven Grafiken verschmolzen Print und digital. Speziell für Werbekunden eine Möglichkeit, ihre Anzeigen in einer neuen Dimension zu präsentieren.

 

Wie Unternehmen diese Möglichkeiten für ihr Marketing ansonsten nutzen können, hat der Möbelgigant Ikea bereits vor ein paar Jahren vorgemacht: Möbel konnten im Katalog mit dem Smartphone gescannt und anschließend in eine digitale Abbildung des eigenen Wohnraums eingeblendet werden. Passt das rote Ledersofa zum restlichen Wohnzimmer? Die App beantwortet diese Frage „plastisch“. Ähnliches bietet der Fahrradparksystemanbieter WSM an. Per Scan eines QR-Codes werden die Parkanlagen dreidimensional auf dem Smartphone angezeigt. Das soll Stadtplanern oder Geschäftsinhabern detaillierte visuelle Eindrücke der Produkte liefern – kombiniert mit spielerischen Elementen. Kinderfahrzeugspezialisten Puky hat sogar einen extra virtuellen Verkaufsraum für seine Produktneuheiten eingerichtet. Da aufgrund der Covid-19-Pandemie die Außendienstler nicht reisen können, erhofft sich das Unternehmen so, die Produkte den Händlern detailliert und ausgiebig zu präsentieren.

 

Die Idee griff am Jahresanfang auch das Fahrradunternehmen Vanmoof auf. Der Online-Verkauf der Niederländer hat in den letzten Jahren massiv zugelegt, mittlerweile sollen rund 80 Prozent der Radkäufe im Netz passieren. Deshalb wurde nach einem Tool gesucht, das dem Konsumenten einen detaillierten Einblick auf das Produkt ermöglicht, und so Retouren vermeiden soll. Die Lösung: Augmented Reality. Der Kaufinteressierte hat die Möglichkeit sich das Rad per App in 3D nach Hause zu holen und durch zoomen auch kleine Details ins Auge zu nehmen – so als stünde er direkt daneben. Gerade in Zeiten des Lockdowns sei das System sehr intensiv genutzt worden. „Wir leben für Hightech und Design. In Zukunft wird es bestimmt noch mehr smarte Features zu entdecken geben“, so Sofia Gerung von Vanmoof. Beispielsweise denke man über ein Tool für digitale Testfahrten nach.

 

„Es ist heute nicht schwer, gute Fahrräder zu bauen. Es ist schwieriger, sich von der Masse der guten Fahrradbauer abzusetzen“

Die Testfahrt zu Hause mit dem Handy und nicht im Fachhandel? Klingt noch ziemlich nach Science-Fiction. Dabei kann AR für den Fahrradhandel bereits heute ein nützliches Tool bei Service und Verkauf sein. Eine große Herausforderung für viele Radhändler: Sie arbeiten markenunabhängig – gerade in der Werkstatt. Aber immer mehr Hersteller setzen auf spezielle Eigenentwicklungen und individuelle Techniken. Das macht das Besorgen von Ersatzteilen schwierig, auch die Reparatur geht nicht mehr spielend von der Hand. Die Reparaturzeit gerade an teuren Hightech-Rädern steigt so wie die Unzufriedenheit beim Kunden. „Es ist heute nicht schwer, gute Fahrräder zu bauen. Es ist schwieriger, sich von der Masse der guten Fahrradbauer abzusetzen“, sagt Dan Caridi, Produktmanager Nordamerika von Cannondale. Der Radhersteller liefert deshalb eine serviceorientierte AR-Lösung für Fahrradhändler. Am Rad befindet sich ein Code, der per Smartphone oder Tablet gescannt wird. Anschließend werden die Daten des Rades geladen, die genau benötigten Ersatzteile ermittelt und Einbauschritte in 3D angezeigt. Kein langes Blättern mehr im Katalog oder Suchen auf Videoplattformen, sondern die wichtigsten Daten und Infos sind exakt in wenigen Sekunden auf dem Smartphone. Auch besteht die Möglichkeit, einen Blick auf das 3D-Innenleben zu werfen, z. B. bei Federgabeln. Der Zeitaufwand für die Fehlersuche wird deutlich minimiert und die Reparaturzeit verkürzt. Zudem hilft die App auch im Verkaufsprozess, da Räder in 3D angezeigt werden können, die nicht im Laden oder auf Lager zu finden sind. „Das Tolle an unserer AR-Lösung: Wir haben schnell gemerkt, dass das kein großes Investment ist“, so Curtis Detwiler, Director R&D bei Cannondale. Zusammen mit dem Technikpartner Vuforia Studio konnte eine Person innerhalb weniger Monate eine erste AR-Experience für die App realisieren.

„Das Tolle an unserer AR-Lösung: Wir haben schnell gemerkt, dass das kein großes Investment ist“