INSIDE BIKE BUSINESS

Relevante Neuigkeiten und Entwicklungen rund um den Fahrradmarkt und neueste Techniken für Hersteller und Fachhändler. Anders gesagt: unser Blick in die Kristallkugel.

FAHRRADWERKSTATT IM SPANNUNGSFELD

E-Bikes bringen dem Fahrradhandel eine hohe Wertschöpfung – gerade in der Werkstatt. Der E-Biker erwartet im Gegenzug einen entsprechenden Service. Die Fahrradwerkstatt kann so zum Mobilitätsdienstleister werden, was in der Praxis allerdings nicht immer funktioniert.

Das Display am E-Bike meldet, dass der jährliche Service fällig ist. Schnell von unterwegs online einen Termin beim örtlichen Fahrradhändler vereinbart. Am nächsten Tag klingelt dieser früh morgens an der Tür, um das Rad abzuholen. Einen Ersatz-E-Bike hat er selbstverständlich dabei. Im Laufe des Tages kommt eine WhatsApp-Nachricht, dass weitere unerwartete Reparaturen anstehen – Bilder der defekten Teile und einen Kostenvoranschlag für die Reparatur gleich obendrein. Dieser wird per digital hinterlegter Unterschrift bestätigt und am Abend steht das reparierte E-Bike wieder vor der Tür. Der Rechnungsbetrag wird einfach per App-Dienstleister eingezogen. Eine wundersame Utopie, reine Zukunftsmusik? Nein, technisch ist das alles durchaus schon machbar.

Für Fahrradwerkstätten bedeutet diese Entwicklung einen massiven Wandel. Die „Schrauberbude“ ist Vergangenheit und nur noch für Nostalgiker. Durch die gesamtgesellschaftlich geforderte Digitalisierung und das brancheninterne Aufkommen von Elektrorädern ergeben sich bei der Gestaltung des Arbeitsalltages und Servicebereichs komplett neue Möglichkeiten. Das erfordert betriebliche Anpassungen, da die Werkstatt für den Geschäftsbetrieb ein wesentlicher Ertragsbringer ist. „Zur besseren Fehleranalyse und Komponentendiagnose bieten wir unseren Fachhändlern ein neues, cloud-basiertes Service-Tool. Dort sind alle wichtigen Daten des E-Bikes sowie dessen Service- und Reparatur-Historie hinterlegt, was die Effizienz bei der Fehlersuche enorm steigert“, erklärt beispielsweise Horst Schuster vom Antriebshersteller Brose und spricht dabei vom „transparenten E-Bike“. Bei der Entwicklung derartiger Tools spielt die Erfahrung aus dem Automobilbereich bei den Herstellern eine wichtige Rolle.

Die Kunden wiederum kennen diesen Service auch aus dem Autohaus – und wollen ihn jetzt im Fahrradhandel. Doch zur Effizienzsteigerung braucht es Verbesserungen auf anderen Ebenen wie Marketing, Organisation, Ausstattung oder Sicherheit. „Die meisten Betriebe decken nicht alles ab und haben punktuelle Schwächen. Diese müssen aufgeholt werden“, erkennt Uwe Wöll vom Verbund Service und Fahrrad (VSF). Der Verband hat mit VSF..all-ride eine Zertifizierung für ausgezeichnete Fahrradwerkstätten entwickelt, die ständig an aktuelle Entwicklungen angepasst wird. „Eine Online-Terminvergabe und eine Benachrichtigung per SMS oder WhatsApp sollte heute eigentlich Standard sein“, meint Wöll. Der Fachmann weiß aber: Oft scheitert es nicht nur an mangelnder Organisation und Motivation, sondern in erster Linie am Personal.

Ein Hol-und-Bring-Service sei dabei ein gutes Beispiel. „Die Personalkapazität ist bei vielen Händlern bereits ausgereizt. Dann kommt schnell die Frage auf: Wer soll das tun? Und wenn sich keiner findet, wird es nicht umgesetzt“, weiß Wöll. Hinzu käme die schwierige Mietsituation in den Ballungszentren, die eine nötige Umstrukturierung und Vergrößerung der Werkstatt erschwere. Kreative Ideen sind deshalb gefordert. Ein Beispiel ist dabei der mobile Fahrradservice von LiveCycle. Die Idee ist zwar nicht neu, aber das Münchner Unternehmen hat es geschafft, seine Reparaturservice binnen zwei Jahren auf mittlerweile sieben Großstädte auszubauen. Dabei sind nicht nur Privatpersonen im Fokus, sondern Unternehmen. Ein Mechaniker repariert die Räder von Angestellten direkt vor Ort während der Arbeitszeit. Ein Konzept mit Zukunft? Wöll ist skeptisch: „Die mobilen Dienste suggerieren einen flächendeckenden Service, decken allerdings nur die lukrativen Städte ab.“ Und dort existiere bereits ein breites Händlernetz. Doch Mobilitätsdienstleistung für eine Verkehrswende sei gerade auf dem Land gefragt. Hier schließen immer mehr alteingesessene Fahrradhändler aufgrund von Nachfolgermangel. Dieses Problem kann keine App lösen.

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